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Choeung Ek - das Ende des Grauens?

  • 18. Okt. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Choeung Ek ist ein Vorort von Phnom Penh. Inzwischen hat dieser Name allerdings eine spezielle Assoziation, denn in diesem Vorort unterhielten die Roten Khmer während ihrer Herrschaft eine der größten Tötungsstätten. Zahlreiche Menschen wurden hier ermordet und in Massengräbern verscharrt. Es ist grauenvoll, was die Roten Khmer anderen Menschen angetan haben – der eigenen Bevölkerung. Dennoch möchte ich darüber schreiben, weil ich es wichtig finde; im Gedenken an die Ermordeten und als Erinnerung daran, wie wertvoll demokratische Werte sind. Die Beschäftigung mit den Verbrechen der Roten Khmer macht durch meine Arbeit im Tuol Sleng Museum einen großen Teil meines Alltags aus. Da die Gräueltaten aber auch belastend sein können, möchte ich an dieser Stelle die Möglichkeit betonen, den Artikel nicht zu lesen. Das gilt auch für zukünftige Artikel, vor allem solche, die sich mit der Geschichte des Gefängnisses S-21 oder den Verbrechen der Roten Khmer beschäftigen. Dieser Artikel beschreibt, wie die Roten Khmer Menschen nach Choeung Ek gebracht und dort getötet haben.

Wie schon erwähnt war Choeung Ek ein Vorort von Phnom Penh (und ist das auch heute noch). Allerdings wird dieser Name heute automatisch mit den Verbrechen der Khmer Rouge in Verbindung gebracht, weil sie dort eines der größten killing fields einrichteten. Die Gefangenen, die in Choeung Ek ermordet wurden, kamen aus dem Foltergefängnis S-21, das im Stadtzentrum von Phnom Penh ca. acht Kilometer entfernt lag. Da die Roten Khmer in der Stadt selbst nicht die Kapazitäten hatten, so viele Menschen umzubringen (und, weil es zu sehr gestunken hat), verlagerten sie die Tötung der Häftlinge vor die Stadt.

Insgesamt wurden in Choeung Ek fast 20.000 Menschen ermordet; Individuen mit verschiedensten Lebenswegen, Träumen, Hoffnungen, Zielen. Das einzige, was sie teilten, war das Schicksal, von den Roten Khmer inhaftiert und getötet zu werden. Nach Choeung Ek wurden Gefangene gebracht, die aus Sicht Angkars keinen Wert mehr hatten, weil sie keine Informationen (mehr) liefern konnten. In der Sprache der Roten Khmer sollten diese Personen „zerschmettert“ werden, was nicht weniger bedeutete, als sie zu töten. Abhängig davon, was Häftlingen in S-21 angetan wurde, sahen manche den Tod nach Monaten der Folter, des Hungers und unmenschlicher Lebensbedingungen als Erlösung von den Höllenqualen, die sie in S-21 erlebt hatten.

In den meisten Fällen erfolgten die Massentötungen nachts. Während der Fahrt mit dem Lastwagen, der die Gefangenen von S-21 nach Choeung Ek brachte, waren die Häftlinge in Handschellen gelegt und sie trugen eine Augenbinde. Die Roten Khmer hatten ihnen erzählt, sie kämen in ein „neues Zuhause“. Eigentlich wussten alle, dass das nicht stimmte, doch für manche war diese Lüge der letzte Funke Hoffnung, an den sie sich verzweifelt zu klammern versuchten.

Wenn die Gefangenen in Choeung Ek ankamen, war es dunkel. Nur ein paar Flutlichter erhellten den ehemaligen chinesischen Friedhof. Ein Stromaggregator lief, um die Strahler mit Strom zu versorgen. Er machte unglaublichen Lärm, daneben waren in den Bäumen Lautsprecher befestigt, aus denen Propagandalieder schallten. Beides diente dazu, die (Todes-)Schreie der Gefangenen zu übertönen und gegenüber der Bevölkerung, die in der Nähe wohnte, den Anschein zu erwecken, dort fände ein informelles Treffen der Roten Khmer-Kader statt.

Als die Roten Khmer damit anfingen, ihre Gefangenen in Choeung Ek zu töten, wurden alle noch in der Nacht ihrer Ankunft getötet. Ab Jahresbeginn 1978 nahm die Angst Pol Pots vor internen "Feinden" ein neues Ausmaß an, weshalb auch immer mehr Kader der Roten Khmer inhaftiert wurden, teils hochrangige. Dementsprechend stieg auch die Zahl der Menschen, die in Choeung Ek getötet werden sollten, stark an. Während vorher ca. alle drei Wochen zwei bis drei Lastwagen je 50-70 Gefangene nach Choeung Ek brachten, waren es ab 1987 bis zu 300 Menschen pro Tag, die dort den Tod fanden.

Deshalb wurde eine Baracke errichtet, ein Dach aus Wellblech und die Wände aus doppelt gelegtem Holz, damit keinerlei Licht in den Raum fiel und die Gefangenen keine Orientierung hatten. So sollte jegliche Kommunikation unter Gefangenen verhindert werden. Neben der Baracke standen zwei weitere Hütten auf dem Gelände: eine davon diente der Aufbewahrung von Chemikalien, die verwendet wurden, um den Gestank der Leichen zu übertünchen, in der anderen Hütte bewahrten die Roten Khmer Werkzeuge auf. Diese dienten nicht etwa dazu, die Pflanzen in Ordnung zu halten - das hätte man mit dieserlei Werkzeugen sicherlich machen können - sondern der Hinrichtung der Gefangenen.

Die Ermordung erfolgte in kleineren Gruppen. Die Häftlinge mussten sich vor eine Grube stellen, die die Aufseher*innen ausgehoben hatten, und wurden anschließend hingerichtet. Meist erfolgte das durch einen Schlag auf den Schädel oder Hals mit Spitzhacke, Axt, Bambusstock oder ähnlichem – Kugeln waren den Roten Khmer zu wertvoll. In einem Massengrab von ehemaligen Parteikadern wurden 160 Skelette ohne Kopf gefunden, woraus sich schließen lässt, dass die Kader geköpft worden sind.

Als die Tötungsstätte 1979 gefunden wurde, wurden an einem Baum Blutspuren und Haare gefunden. Bei näherem Hinsehen fielen auch Knochensplitter und Reste von Gehirnmasse ins Auge. Durch die menschlichen Überreste am Baum und Forschungsergebnisse ist heute bekannt, dass die Aufseher*innen Babys und Kleinkinder an den Füßen genommen, mit dem Kopf gegen den Baum geschlagen und anschließend achtlos in eine Grube geworfen hatten. Daher erhielt der Baum den Namen, „killing tree“. Neben dem Baum wurde ein Massengrab ausfindig gemacht, in dem sich die Leichen von zahlreichen Frauen und Kindern befanden. Als das Massengrab geöffnet wurde, bot sich ein schrecklicher Anblick: Frauen und Kinder lagen dort kreuz und quer übereinander, allesamt nackt.

Bis heute wurden 86 der 129 Gräber ausgehoben, um die menschlichen Überreste von 8.985 Personen forensisch zu untersuchen und nach buddhistischen Traditionen zu bestatten. Einige der Gräber sind bis heute geschlossen und werden es womöglich auch für immer bleiben, da entschieden wurde, die Toten in Frieden ruhen zu lassen. Im Jahr 1988 wurde ein Gedenkstupa errichtet, zum Gedenken an alle, die in Choeung Ek ihres Lebens beraubt wurden. Außerdem wurde Choeung Ek zum nationalen Zentrum der Erhaltung der Zeugnisse an das Khmer-Rouge-Regime sowie zum nationalen Zentrum zur Erinnerung und Ehrung der Seelen der Ermordeten im ganzen Land erklärt. Im Jahr 2019 wurde eine weitere Gedenkstatue errichtet. Diese zeigt eine Frau, die ein Neugeborenes in den Armen hält. Inzwischen ist die Gedenkstätte mit einem Audioguide und einer Ausstellung ausgestattet, die nationalen und internationalen Besucher*innen Zeit und Raum geben, sich über die Gräueltaten zu informieren und der Opfer zu gedenken.

Heute scheint der Ort sehr friedlich. Es gibt einen See, um den man einen Spaziergang machen kann, viele Bäume und Möglichkeiten, sich hinzusetzen, um das neu Erfahrene zu verarbeiten oder sich mit anderen auszutauschen. Im Zentrum des Geländes steht der Gedenkstupa, wo auf Kleidungsstücke, Schädel- und weitere Knochen aufgebahrt sind. Das schafft eine würdige Möglichkeit, der Toten zu gedenken.

Der Besuch hat mir sehr eindrücklich die Verbrechen der Roten Khmer vor Augen geführt. Gleichzeitig finde ich es fast unvorstellbar, dass dieser heute so friedliche Ort vor wenigen Jahrzehnten Schauplatz menschlicher Grausamkeit war.

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