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Office S-21, was ist das?

  • 23. Okt. 2025
  • 6 Min. Lesezeit

Die Kurzantwort lautet: ein Foltergefängnis der Roten Khmer, manche nannten es auch die "Hölle auf Erden". Wer ein paar mehr Infos möchte, kann gerne weiterlesen😉. Der Artikel beschäftigt sich mit Hintergründen, Haftbedingungen und Insassen des Gefängnisses.

Das ist der Flur eines ehemaligen Gefängnisgebäudes.
Das ist der Flur eines ehemaligen Gefängnisgebäudes.

Am 17. April 1975 übernahmen die Roten Khmer in Phnom Penh und weiteren Städten in Kambodscha die Macht. Im Rahmen des kambodschanischen Bürgerkriegs hatten sie schon seit 1970 immer größere Gebiete unter ihre Kontrolle gebracht, somit war Phnom Penh "nur" ein weiterer, aber dennoch entscheidender, Schritt.

Um die radikalen gesellschaftlichen Umstrukturierungen, die ihre Ideologie vorsah, durchzusetzen, errichteten die Roten Khmer im ganzen Land sogenannte "Sicherheitszentren" - euphemistisch für Gefängnisse. 1975 umfasste das Lagersystem schon 196 solcher Haftanstalten. Das Office S-21 mitten in der Hauptstadt Phnom Penh war dabei die ranghöchste - und diejenige mit der höchsten Sterberate. Von den mindestens 18.063 Menschen, die dort inhaftiert waren, überlebten gerade einmal zwölf! Daher bezeichneten Häftlinge das Gefängnis auch als den Ort, den man betritt, aber nicht mehr verlässt.

Wer war dort inhaftiert?

Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, da die Roten Khmer kein klar definiertes Feindbild hatten. Stattdessen töteten sie verschiedenste Menschen: Grundsätzlich verdächtig waren alle Personen mit guter Bildung, insbesondere solche, die Kontakte ins Ausland oder dort studiert hatten, sowie Menschen, die vor dem 17. April in Städten gewohnt hatten (das sogenannte "neue Volk" oder "Menschen des 17. April"). Allerdings konnten alle - auch Parteikader und Regierungsmitglieder der Khmer Rouge - zu "Feinden der Revolution" werden, sobald sie verdächtigt wurden, nicht im Sinne Angkars gehandelt zu haben.

"Angkar" ist khmer und bedeutet wörtlich übersetzt "die Organisation". Das war die Selbstbezeichung der Roten Khmer für die Kommunistische Partei Kampucheas (KPK). Anders als in anderen diktatorischen Regimen gab es unter den Khmer Rouge lange keine prominente Führungspersönlichkeit, die "verehrt" werden sollte. Stattdessen war Angkar ein sehr vager Begriff, großen Teilen der Bevölkerung war nicht bekannt, wer oder was genau sich dahinter verbarg. Eines wussten aber alle: Wenn man die Regeln Angkars missachtet, droht Schlimmes.

Damit machte die Partei auch vor den eigenen Kadern nicht Halt. So waren ca. 33% der Häftlinge in S-21 Mitglieder der Partei oder der "Revolutionsarmee" und 23,7% Beamte der Khmer-Rouge-Regierung. Daneben waren auch zahlreiche Familienmitglieder und Kinder in S-21 inhaftiert, denn eine Handlungsmaxime der Roten Khmer besagte, man müsse Unkraut immer mit der Wurzel herausreißen. Das bedeutete, dass nicht nur die verdächtigte Person selbst inhaftiert wurde, sondern aus Angst vor späterer Rache auch ihre Familienmitglieder, also Ehepartner*innen, Kinder, teilweise auch Cousins, Nichten und Neffen. Ebenso bedeutete diese Maxime, dass Verwaltungsbeamte inhaftiert wurden, wenn ihre Vorgesetzten verhaftet wurden. Schließlich hatten sie das Fehlverhalten ihrer Vorgesetzten toleriert...

Haftbedingungen

Die Haftbedingungen in S-21 waren menschenunwürdig. Immer noch die oberste Regel: Disziplin. Wer sich nicht an die Regeln hielt, wurde mit Schlägen oder Elektroschocks bestraft. Waren es Aufseher*innen, die ihre Pflichten missachteten, drohte ihnen selbst die Inhaftierung in S-21.

Inhaftiert waren die Gefangenen meist in Großraumzellen mit ca. 50 Häftlingen. Sie wurden mit Fußfesseln an lange Metallstangen gekettet und mussten auf dem Boden liegen. Unterhaltungen oder Kommunikation jeglicher Art waren strengstens untersagt. Wollte ein Häftling bspw. auf Toilette gehen oder etwas trinken, musste er die Hand heben und den Aufseher um Erlaubnis bitten.

Der Überlebende Ung Pech beschrieb das folgendermaßen: "Um auf Toilette zu gehen, benötigte man die Erlaubnis der Aufseher. Um sie zu bekommen, musste man die Hand heben und um Erlaubnis fragen. Nur eine Person im Raum durfte gleichzeitig die Hand heben. Wir waren zwischen 40 und 50 Personen und wenn zwei Personen gleichzeitig die Hand hoben, wurde beiden der Stuhlgang verwehrt und sie wurden fünf Mal geschlagen."

Offiziell waren zwei Mahlzeiten pro Tag vorgesehen, eine morgens und eine abends. Aus Berichten geht hervor, dass diese Zeiten nicht so strikt eingehalten wurden. Wann und ob es überhaupt etwas zu essen für die Häftlinge gab, hing von der Beschäftigung der Aufseher*innen ab und ob sie Zeit und Muße hatten, das Essen zu verteilen. Mal ganz davon abgesehen lässt sich der Begriff "Essen" für das, was die Gefangenen bekommen haben, diskutieren, denn die Reissuppe bestand hauptsächlich aus Wasser.

Verhöre und Folter

Auch wenn die Haftbedingungen nicht dafür sprechen, wollten die Roten Khmer nicht, dass die Gefangenen sterben - zumindest nicht, wenn es nicht vom Gefängnisleiter Duch genehmigt war. Es war sogar verboten, Häftlinge zu Tode zu foltern! Der Grund dafür bestand darin, dass die Roten Khmer ihre Häftlinge erst töteten, wenn diese aus Sicht Angkars keinen Wert mehr hatten, also keine Informationen mehr liefern konnten. Deshalb gab es zahlreiche Maßnahmen, die verhindern sollten, dass Gefangene Suizid begehen können. Bei der Verteilung von Essen beispielsweise wurde streng darauf geachtet, nur exakt so viele Schüsseln und Löffel zu verteilen, wie Gefangene im Raum waren, und - vor allem - diese wieder einzusammeln, ansonsten gab es Schläge. Außerdem waren die Gänge vergittert, damit sich die Gefangenen nicht über die Brüstung in den Tod stürzen konnten und die Gefangenen wurden regelmäßig durchsucht, dass sie keinerlei Gegenstände bei sich haben.

Nun stellt sich natürlich die Frage, warum die Häftlinge am Leben bleiben sollten, wenn die allermeisten am Ende doch umgebracht wurden. Die Antwort liegt im Zeitpunkt der Tötung. Wurde eine Person nach S-21 gebracht, stand für Angkar fest, diese Person habe die Revolution verraten und sich gegenüber Angkar schuldig gemacht. Da die Roten Khmer davon ausgingen, dass die sogenannten "Feinde der Revolution" organisiert sind, wollten sie Namen von weiteren Mitgliedern dieses angeblichen Netzwerks hören, die in der Folge auch inhaftiert wurden. Daneben verlangte die Führung ein Geständnis, das die Anschuldigungen bestätigt, bevor Gefangene getötet werden durften. Letzteres diente der Legitimierung der Exekutionen gegenüber Parteikadern, denn mit den Geständnissen hatten die Roten Khmer immer ein Dokument, dass "bewies", dass sie nur "schuldige" Personen umbringen, um die Revolution nicht zu gefährden.

Beides - die Namenslisten sowie das Geständnis - wurden in Verhören aus den Gefangenen herausgepresst. Dabei gab es drei Stufen: "cold/gentle" bezeichnete Verhöre, in denen psychische Foltermethoden eingesetzt wurden. Gefangenen wurde versprochen, dass sie ihre Familie wiedersähen oder ihre Familie in Frieden gelassen würde, wenn sie geständen. Das stimmte natürlich nicht, in manchen Fällen war die Familie des Häftlings zu diesem Zeitpunkt schon tot. Die nächste Stufe war "hot/cruel", was physische Folter bedeutete. Hatte ein Häftling auch das durchgestanden, ohne die Fragen Angkars zufriedenstellend zu beantworten, folgte die dritte Stufe der Folter, die als "chewing" bezeichnet wurde. Das war eine Mischung aus verschiedenster Foltermethoden.

Unter Folter dachten sich viele Häftlinge Geschichten über Verstrickungen mit der US-amerikanischen CIA, dem sowjetischen KGB oder dem vietnamesischen Geheimdienst aus, in der Hoffnung, die Folter würde dann ein Ende haben. War der Gefängnisleiter Duch mit dem Geständnis und der Namensliste zufrieden, musste der Häftling es mit einem Daumenabdruck "unterschreiben". Anschließend war er aus Sicht Angkars bereit, "zerschmettert" zu werden, denn für die Roten Khmer hatte diese Person keinen Wert mehr, sobald sie keine weiteren Informationen lieferte / liefern konnte. Die Gefangenen, für die ein Tötungsbefehl vorlag, meistens war das nach zwei bis drei Monaten Haft der Fall, wurden ein paar Kilometer außerhalb der Stadt nach Choeung Ek gebracht. Dort wurden sie getötet und in Massengräbern verscharrt.

Fall der Roten Khmer und Aufbau des Museums

Als den Roten Khmer klar wurde, dass sie dem Einmarsch durch die nordvietnamesische Armee und die Nationale Front zur Rettung Kampucheas unterliegen werden, versuchten sie, einige Spuren zu beseitigen und die noch lebenden Gefangenen zu töten. Zwei Tage bevor die nordvietnamesische Armee die Stadt erreichte, verließen die Roten Khmer das Gefängnis und hinterließen Phnom Penh als Geisterstadt. Mit dem Einmarsch der nordvietnamesischen Armee in Phnom Penh endete die Herrschaft der Roten Khmer offiziell, doch der Bürgerkrieg dauerte noch bis Anfang der 1990er Jahre an und bis dahin kontrollierten sie weiterhin einige ländliche Gebiete im Grenzgebiet zu Thailand.


Hier ist der Gedenkstupa zu sehen, der zu Ehren der Opfer errichtet wurde.
Hier ist der Gedenkstupa zu sehen, der zu Ehren der Opfer errichtet wurde.

Die Nutzung von S-21 als Foltergefängnis endete mit dem offiziellen Ende der Herrschaft der Roten Khmer, bzw. schon zwei Tage früher, im Januar 1979. Von der nordvietnamesischen Besatzung wurde daraus ein Museum errichtet, das schon im Dezember 1979 eröffnet wurde. Seitdem hat es sich stetig weiterentwickelt. Heute sind im Tuol Sleng Genocide Museum fast 70 Personen angestellt und es gibt zahlreiche Projekte und Bildungsangebote. Seit 2009 gehört das Archiv des Tuol Sleng Museums zum UNESCO-Weltgedächtnis und seit diesem Jahr stehen auch die Gebäude von S-21, dem Gefängnis M-13 sowie der Tötungsstätte Choeung Ek als UNESCO-Weltkulturerbe unter Schutz.

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