Die Khmer Rouge - eine Einführung
- 12. Mai
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 18. Mai
Zwar habe ich mich in den letzten Monaten intensiv mit den Khmer Rouge und ihrer Herrschaft beschäftigt, so wirklich viel geteilt habe ich davon aber noch nicht. Das möchte ich jetzt gerne ändern. Deshalb gibt es heute einen Artikel, der allgemein in die Herrschaft der Khmer Rouge einführt, in ihre Folgen für die Bevölkerung und auch das Land als Ganzes – bis heute. In den nächsten Wochen (und Monaten) werde ich auf einige Themen noch genauer eingehen - auch das Thema unserer Ausstellung, die Returnees.
Da das hier keine wissenschaftliche Arbeit werden soll, nenne ich die Links und Bücher, die ich für die Erstellung eines Artikels verwendet habe, lediglich am Ende. Außerdem gibt es in der Fußzeile meiner Webseite einen Link zu einer Unterseite mit einigen Büchern und Publikationen, die ich gelesen habe oder die mir empfohlen wurden, falls noch mehr Interesse besteht :)
Jetzt aber genug der Vorrede, heute geht es erstmal um die Khmer Rouge und ihre Herrschaft im Allgemeinen.
Wer waren die Khmer Rouge?
Als Khmer Rouge wird die Kommunistische Partei Kampuchea (KPK) ab den späten 1960er Jahren bezeichnet. Geprägt wurde dieser Begriff vom damaligen Prinzen Sihanouk. Die Führungsriege bestand mehrheitlich aus gut gebildeten Kambodschanern, die in Paris studiert hatten, die meisten stammten aus Familien höherer Gesellschaftsschichten (zu den wichtigsten Führungspersönlichkeiten der Khmer Rouge wird es noch separate Artikel geben). Diese Tatsache selbst steht im Widerspruch zu der späteren Ideologie der Khmer Rouge, aber dazu an anderer Stelle mehr.
Die Ursprünge der kommunistischen Bewegung in Kambodscha finden sich im frühen 20. Jahrhundert, im Unabhängigkeitskampf gegen die Kolonialmacht Frankreich. Bis in die 1960er Jahre blieb die Kommunistische Partei eine Randbewegung ohne politische Bedeutung. Das änderte sich gegen Ende des Jahrzehnts: Zu diesem Zeitpunkt verlor der vorher hoch angesehene Prinz Sihanouk an Zustimmung. Er versuchte, Kambodscha als „Oase der Neutralität“ im Kalten Krieg zu bewahren, was allerdings langfristig nicht funktionierte.
Diese Schwäche wurde von einem General (Lon Nol) ausgenutzt, der sich 1970 an die Macht putschte und eine Republik ausrief, was das Land in einen Bürgerkrieg stürzte. Lon Nol und seine Regierung wurden von den Vereinigten Staaten stark unterstützt. Da diese allerdings im Rahmen des Vietnam-Kriegs zunehmend Kambodscha bombardierten – hauptsächlich aus der Luft, aber auch mittels Bodenoffensiven - waren die USA in der Bevölkerung nicht hoch angesehen und die Regierung Lon Nols erfuhr entsprechend wenig Unterstützung. Die Khmer Rouge nutzten die Schwäche Lon Nols und den Kampf gegen den „US-Imperialismus“ aus, um zahlreiche Kader für ihre eigenen Reihen zu rekrutieren.
Als die US-Truppen sich im August 1973 aus Südostasien und damit auch aus Kambodscha zurückzogen, war der Anfang des Endes des Lon-Nol-Regimes gemacht. Zum Ende des Jahres 1973 kontrollierten die Khmer Rouge ca. 85% des kambodschanischen Territoriums, lediglich einige Ballungsgebiete und die großen Städte waren noch unter der Kontrolle der Regierungstruppen.
Am 17. April 1975 nahmen die Khmer Rouge Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh ein. Das war das offizielle Ende der Herrschaft Lon Nols und der Beginn der Terrorherrschaft der Khmer Rouge. Wer genau die Roten Khmer waren, blieb lange unbekannt. In Kambodscha selbst wurden sie nur als „Angkar“ (khmer für „die Organisation“) bezeichnet; niemand wusste, wer dahintersteht oder die Befehle gibt. Im Jahr 1977 wurde vonseiten der Khmer Rouge erstmals öffentlich gemacht, dass sich die KPK hinter „Angkar“ verbirgt, angeführt vom Parteivorsitzenden Pol Pot.
Beginn der Herrschaft
Als die Kämpfer der Roten Khmer in Phnom Penh einmarschierten, wurden sie von vielen Menschen freudig begrüßt, Massen jubelten ihnen zu. Die Menschen hofften auf eine Verbesserung der Situation, eine Wiederherstellung der Monarchie und (internationale) Unterstützung im Wiederaufbau ihres bürgerkriegsgebeutelten Landes. Nur wenige Stunden später war diese Hoffnung bei den meisten Menschen aber schon wieder geplatzt.
Warum? Noch am 17. April vertrieben die Khmer Rouge die Bevölkerung aus den Städten, allen voran Phnom Penh. Über zwei Millionen Menschen waren infolgedessen auf den Straßen unterwegs. Wer Verwandte auf dem Land hatte, versuchte, bei ihnen unterzukommen. Alle anderen mussten schlichtweg hoffen, irgendwo aufgenommen zu werden. Tausende starben bei den Massenevakuierungen, viele Familien wurden getrennt.
Damit begannen die radikalen gesellschaftlichen Umstrukturierungsmaßnahmen, die zu einer klassenlosen Agrargesellschaft führen sollten. Eine der ersten dieser Maßnahmen war außerdem die Umbenennung des Landes in „Demokratisches Kampuchea“.
Ziele der Khmer Rouge
Das oberste Ziel der Roten Khmer bestand darin, eine klassenlose, autarke Agrargesellschaft zu errichten. Sie glaubten, Kambodscha sei zu lange von der westlichen Welt auf Irrwege geführt worden und sahen sich selbst als Befreier, die durch ihre Politik an die frühere Größe Kambodschas in der angkorianischen Periode anknüpften.
Um diese Gesellschaft zu errichten, versuchten die Khmer Rouge, in jeden Lebensbereich der Menschen einzudringen, allen voran ihr Handeln, aber auch ihre Gefühle und nicht zuletzt auch ihre Gedanken, durch Kritik- und Selbstkritiksitzungen sowie ideologisches Training und Propaganda. Jegliche Individualität wurde eliminiert, alle Menschen mussten eine schwarze Uniform tragen und sich uneingeschränkt loyal gegenüber „Angkar“ verhalten. Kleinste Widersetzungen konnten gravierende Bestrafungen zur Folge haben, bis hin zum Tod.
Politik der Khmer Rouge
Um ihre Idealgesellschaft zu errichten, setzten die Khmer Rouge radikale Maßnahmen um. Angefangen am Tag ihrer Machtübernahme versuchten die Roten Khmer, das alte Regime restlos zu eliminieren. Dazu zählte allen voran die Tötung Tausender ehemaliger Staatsbediensteter. Aber auch die Abschaffung von Geld, welche durch die Sprengung der Nationalbank manifestiert werden sollte, Abschaffung von Schulen, Privatbesitz oder dem freien Markt sowie das Verbot ausländischer Kleidung, von Religion und traditioneller Khmer-Kultur zählten zu den ersten getroffenen Maßnahmen. Schulen, Universitäten, Pagoden, Moscheen, Kirchen und Regierungsgebäude wurden geschlossen und umfunktioniert, meist zu Getreidespeichern oder Gefängnissen.
Daneben versuchten die Roten Khmer, jegliche familiäre Bindungen zu beseitigen: Ehen wurden von „Angkar“ arrangiert und Kinder sollten nicht mehr auf ihre Eltern, sondern auf die Erziehung der Roten Khmer hören; "Angkar" sollte die Eltern aller sein. Ebenso war das öffentliche Zeigen von Zuneigung mit Strafen belegt, dazu zählte auch das Trauern um verstorbene Angehörige.
Die Menschen mussten in Kooperativen leben und landwirtschaftliche Arbeit verrichten – häufig mehr als zwölf Stunden pro Tag. Die Lebensbedingungen wurden im Verlauf der Khmer-Rouge-Herrschaft immer schlechter, Tausende Menschen starben an Hunger, Übermüdung oder Krankheiten.
Unterteilt war die Gesellschaft in zwei Gruppen: das „alte“ oder „Basisvolk“ und das „neue Volk“. Zum alten Volk gehörten die Menschen, die schon vor der Machtübernahme der Khmer Rouge auf dem Land gelebt und in der Landwirtschaft gearbeitet hatten. Sie galten für die Khmer Rouge als Idealmensch im Sinne der Revolution und waren grundsätzlich vertrauenswürdiger.
Demgegenüber stand das „neue Volk“; die Menschen, die im April 1975 aus den Städten vertrieben worden waren. Diese Menschen seien, so die Ansicht der Khmer Rouge, stärker mit westlicher, imperialistischer und kapitalistischer Propaganda konfrontiert gewesen und tendierten somit grundsätzlich dazu, sich der Revolution zu widersetzen.
Während ihrer Herrschaft ermordeten die Roten Khmer Zehntausende Menschen, die meisten davon mit der Begründung, sie seien „Feinde der Revolution“ gewesen. Zu einem solchen konnten alle werden, die sich kleinste Fehler leisteten oder von anderen beschuldigt wurden, sich „Angkar“ widersetzt zu haben. So konnte es bspw. ausreichen, wenn sich drei Personen trafen und unterhielten; sie wurden beschuldigt, "Aktivitäten gegen die Revolution" zu planen.
Daneben brachten die Khmer Rouge auch unabhängig ihrer Handlungen gezielt Menschen um: Soldaten und Funktionäre des Lon-Nol-Regimes, Minderheiten wie die chinesische oder vietnamesische Minderheit oder die Cham ebenso wie die sogenannten „Intellektuellen“. Letztere wurden insbesondere deshalb zur Zielscheibe, weil die Khmer Rouge fürchteten, gebildete Menschen könnten ihre Herrschaft infrage stellen und stürzen. Allerdings muss gesagt sein, dass die Ermordungen nicht nur tatsächlich gebildete Menschen traf, denn es konnte schon ausreichen, saubere Zähne oder Fingernägel zu haben oder eine Brille zu tragen, um als „intellektuell“ zu gelten.
Ab dem Jahr 1977 wurden zunehmend auch eigene Parteikader verhaftet und ermordet. Diese Politik der internen "Säuberungen" sollte die Macht der Parteiführung sichern. Die Parteiführung bestrafte nicht nur jegliches Fehlverhalten, auch der Verdacht dazu reichte oftmals für eine Verhaftung aus. Sie handelte dabei getreu dem Slogan: „Es ist besser, zehn Unschuldige fälschlicherweise einzusperren, als einen Verräter fälschlicherweise laufen zu lassen.“
Zur Disziplinierung wurden im Demokratischen Kampuchea knapp 200 Gefängnisse eingerichtet, in denen Menschen verhört, gefoltert und ermordet wurden. Bislang wurden über 20.000 killing fields, Tötungsstätten der Khmer Rouge, gefunden.
Ende der Terrorherrschaft
Gegen Ende des Jahres 1977 eskalierte ein Konflikt mit Vietnam. Tausende (ausgehungerte) Menschen wurden an die Front geschickt und starben bei den Kämpfen. Damit war der Anfang vom Ende der Khmer-Rouge-Herrschaft eingeläutet, denn militärisch hatten sie nicht genug Macht, um sich der (nord)vietnamesischen Armee, die stark von der Sowjetunion unterstützt wurde, entgegenzustellen.
Ein Jahr später, im Dezember 1978, marschierten Truppen der vietnamesischen Armee und einer kambodschanischen Befreiungsfront, die sich aus kambodschanischen Exilanten gebildet hatte, in den Grenzgebieten ein. Sie drangen immer tiefer in kambodschanisches Territorium vor und brachten die Gebiete unter ihre Kontrolle. Am siebten Januar 1979 nahmen sie die Hauptstadt Phnom Penh ein, damit war das Regime der Roten Khmer nach drei Jahren, acht Monaten und 20 Tagen offiziell gestürzt.
(Spät-)folgen
Im Januar 1979 floh Führungsriege der Khmer Rouge in den Nordwesten Kambodschas, an die Grenze zu und teilweise ins Exil nach Thailand. Dort operierten sie mit Unterstützung von China und Thailand und kontrollierten bis 1999 einzelne Gebiete. Außerdem besetzten die Khmer Rouge von 1979 bis 1990 den kambodschanischen Sitz in der Generalversammlung der Vereinten Nationen; sie wurden von den UN als einzige legitime Vertretung Kambodschas angesehen.
Gleichzeitig wurde nach dem Sturz der Roten Khmer in Phnom Penh unter Anleitung Vietnams ein neuer (sozialistischer) Staat gegründet: die Volksrepublik Kampuchea. Noch im Jahr 1979 wurden unter vietnamesischer Führung Gerichtsprozesse gegen hochrangige Parteikader durchgeführt. Sie wurden in absentia verurteilt – und somit nie real bestraft. Ebenfalls im selben Jahr wurde in dem ehemaligen Foltergefängnis S-21 eine Dauerausstellung eingerichtet und eröffnet, um der Öffentlichkeit die Verbrechen der Roten Khmer vor Augen zu führen.
Knapp vier Jahrzehnte später richteten die Vereinten Nationen einen hybriden Gerichtshof ein: die „Außerordentlichen Kammern an den Gerichten Kambodschas“ (auf Englisch „Extraordinary Chambers in the Courts of Cambodia“, kurz ECCC). Sie sind auch unter dem kürzeren Namen Khmer-Rouge-Tribunal bekannt. Der Gerichtshof erhob Anklage gegen fünf Führungspersönlichkeiten der Roten Khmer, drei davon wurden verurteilt, die anderen beiden starben während des Prozesses. Gegen fünf weitere hochrangige Parteikader wurde ermittelt, ihr Fall aber nicht zur Anklage gebracht.
Unter der Herrschaft der Roten Khmer starben ungefähr zwei Millionen Menschen – ein Viertel der gesamten Bevölkerung Kambodschas. Das gesamte Land wurde durch die Terrorherrschaft der Roten Khmer traumatisiert und die Folgen sind bis heute spürbar. Beispielsweise gibt es bis heute nicht so viele große Städte, der Großteil der Bevölkerung lebt auf dem Land, und die Wirtschaft und Industrialisierung wurden quasi gestoppt. Gleichzeitig erholt sich Kambodscha - in kleinen Schritten, durch den Ausbau der Tourismusbranche und Wiedereinrichtung von Bildung zum Beispiel.
Viele historische Stätten sind zu bekannten Touristendestinationen geworden, allen voran das ehemalige Foltergefängnis S-21 und das wohl größte killing field Choeung Ek.
Quellen:
Bultmann, Daniel: Kambodscha unter den Roten Khmer. die Erschaffung des perfekten Sozialisten, Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2017.
Pheng, Pong-Rasy u.a.: A History of the Democratic Kampuchea (1975-1979), hg. v. Documentation Center of Cambodia, Phnom Penh 2020².
Titelbild: Tuol Sleng Genocide Museum, https://archives.tuolsleng.gov.kh/Documents/Detail/0a6218be-59c5-11eb-bf82-507b9df1cda3 (18.05.2026)



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