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Neou Sarem - Überlebt trotz Rückkehr

  • 31. Juli
  • 8 Min. Lesezeit

Studium

Neou Sarem wurde am 18. März 1940 geboren. Nach dem Abschluss der Mittelstufe an der Preah Norodom Schule besuchte sie das Sisowath Gymnasium in Phnom Penh. Anschließend studierte sie Lehramt und unterrichtete von 1964 bis 1966 in Sisophan, bevor sie nach Phnom Penh zurückkehrte.

Dort heiratete sie im Jahr 1970 Nuon Sari, der in der "Bank of Development" arbeitete und Wirtschaft und Recht studiert hatte. Das Paar bekam zwei Töchter: Sari Sakura, geboren am 18. April 1971 und Nuon Sari Romuni, geboren am 24. Juli 1974.

Im Jahr 1974 erhielt Neou Sarem ein Stipendium, mit dem sie ein Jahr lang in Frankreich studieren konnte. Sie erreichte Frankreich am 8. September 1974, ihre zwei Töchter und ihr Ehemann blieben in Kambodscha.

Vorbereitung auf die Rückkehr

Acht Monate nach ihrer Ausreise - am 17. April 1975 - übernahmen die Roten Khmer die Macht in Kambodscha.

"Als die Roten Khmer das Land übernahmen, sah ich in meinem Leben in Frankreich keinen Sinn mehr. Meine Kinder wurden gezwungen, [...] in der heißesten Zeit ihr Zuhause zu verlassen. Ich hielt es nicht aus, in Frankreich zu leben und nicht zurückzukehren, um meinen Kindern zu helfen." (Sarem, 2008, S. 1)

Neou Sarem vermisste ihre Töchter so sehr, dass sie im August 1975 bei der Auslandsvertretung der königlichen Regierung des nationalen vereinigten Kampuchea (nach der französischen Abkürzung GRUNK) in Paris einen neuen Pass beantragte, um nach Kambodscha zurückzukehren - obwohl sie von den brutalen Massenvertreibungen durch die Roten Khmer wusste.

"Ich wusste, dass es gefährlich war. Aber ich war eine Frau und arbeitete als Lehrerin. Außerdem war mein Mann kein Soldat [...]. Deshalb glaubte ich, wir seien keiner Gefahr ausgesetzt.“ (Sarem, 2008, S. 4)

Während sie auf die Genehmigung ihres Antrags wartete, bereitete sich Neou Sarem auf ihre Rückkehr nach Kambodscha vor. Unter anderem kaufte sie Kleidung und Medikamente für ihre Töchter, die zu diesem Zeitpunkt ein und vier Jahr(e) alt waren.

Von der Antragstellung bis zum Tag ihrer Rückkehr dauerte es rund fünf Monate. Da die Roten Khmer nur chinesische Flugzeuge in kambodschanischem Luftraum tolerierten, mussten alle Returnees in Peking umsteigen. Wenn gewünscht, so erinnert sich Neou Sarem, arrangierten die Roten Khmer noch ein paar Tage touristischen Aufenthalts in Peking, bevor es mit einem Anschlussflug nach Phnom Penh weiterging. Dieser sightseeing-Aufenthalt kostete damals 60 Francs pro Tag, was unter Berücksichtigung der Inflation etc. heute etwa 50$ pro Tag entspricht.

Ankunft in Kambodscha

Nachdem ihr Antrag am 26. September 1975 genehmigt worden war, erhielt Neou Sarem einen Flug am sechsten Januar 1976. Einen Tag später kam sie in Kambodscha an. Auf ihrem Flug traf Neou Sarem viele andere Kambodschaner:innen, die ebenfalls zurückkehrten. Einige von ihnen waren überzeugt vom Kommunismus, was Neou Sarem nicht nachvollziehen konnte.

Nach ihrer Ankunft wurden Neou Sarem und die anderen Returnees in eine ehemalige sowjetische Berufsschule gebracht, die von den Roten Khmer als Umerziehungslager K-15 genutzt wurde. Dort mussten sie in den ersten Tagen eine "Revolutionsbiographie" schreiben, mit Informationen über ihr gesamtes Leben: angefangen bei ihrer Kindheit und Schulzeit, über die Studienzeit, bis hin zu generellen Aktivitäten und Kontakten, die sie hatten. Die Roten Khmer wollten alles wissen.

Danach mussten alle Returnees an "revolutionärer Bildung" teilnehmen, wo sie die Revolution verstehen lernen sollten. Khieu Samphan, der Staatspräsident des Demokratischen Kampuchea, persönlich lehrte "Unabhängigkeit und Autarkie" als Grundprinzipien der Revolution.

"Nachdem ich an der revolutionären Bildung mit Khieu Samphan teilgenommen hatte, realisierte ich, dass es ein Fehler gewesen war, nach Kambodscha zurückzukehren. [...] Mit diesem Wissen, versuchte ich nur noch zu überleben. Ich musste überleben, weil ich nicht wusste, wie die Zukunft aussehen würde. Ich strengte mich an, um nicht getötet zu werden oder an Krankheit oder Erschöpfung zu sterben." (Sarem 2008, S. 32)

Als sie für sich selbst realisiert hatte, dass es ein Fehler gewesen war, nach Kambodscha zurückzukehren, versuchte Neou Sarem, sich so gut wie möglich den Regeln der Roten Khmer zu beugen, um ihnen keinen Grund zu geben, sie zu töten.

Nach Khmer New Year, also im April 1976, wurde Neou Sarem in das Dorf Taley im Süden von Phnom Penh verlegt. Sie freute sich darüber, K-15 zu verlassen, weil sie hoffte, dort etwas über den Verbleib ihrer Familie herausfinden zu können.

Arbeit in Taley

Taley war ein kleines Dorf mit zwölf Häusern und einem Brunnen. Es gab eine große Küche, die die Roten Khmer errichet hatten. Außer den Khmer-Rouge-Kadern und den Returnees war dort niemand, sie hatten keinen Kontakt zu Menschen außerhalb dieser Gemeinschaft, insbesondere nicht zu Angehörigen des "Basisvolkes", also der bäuerlichen Bevölkerung Kambodschas.

"Ich verstand, dass die Khmer-Rouge-Kader nicht viel Wissen hatten. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Mitleid hatte ich mit ihnen. Sie konnten nicht einmal lesen und schreiben. [...] Sie waren nur Instrumente der Khmer-Rouge-Führung.“ (Sarem, 2008, S. 30)

Die Returnees arbeiteten in Taley von vier Uhr morgens bis nachmittags, wenn sie Mittagessen bekamen. Anschließend mussten sie sogenannte "soziale Arbeit" verrichten, beispielsweise Körbe flechten, Gemüse anbauen oder die Kinder unterrichten.

Nach ein paar Monaten, im September 1976, wurden Neou Sarem und andere Returnees in das Dorf Angkor Chey gebracht. Dort begegnete Neou Sarem zum ersten Mal anderen Menschen, abseits der Returnees. Die Khmer Rouge achteten aber immer noch strikt darauf, Kontakt zwischen den Returnees und den Dorfbewohner:innen zu vermeiden.

Eines Tages traf Neou Sarem aber ein Mädchen, das ihr erzählte, dass ihre Familie mit einem Boot "evakuiert" und ihr Haus zerstört worden war. Neou Sarem hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, ihre Familie wiederzufinden, aber sie wagte es nicht, jemanden danach zu fragen, da sie wusste, dass es den Roten Khmer egal war, ob sie ihre Familie wiedersah oder nicht. Solche Fragen von Neou Sarem hätten letztlich sogar für ihre Familie eine Gefahr darstellen können, da sie als Returnee besonders unter Beobachtung stand und Kontakte zu Returnees schon als Verrat an der Revolution interpretiert werden konnten.

Wiederum einige Monate später wurde die Arbeitsstätte Angkor Chey geschlossen, weshalb Neou Sarem und andere Returnees nach Boeng Trabek verlegt wurden.

Im Gefangenenlager Boeng Trabek

In der ehemaligen Schule in Phnom Penh mussten die Returnees "Nummer-Eins-Dünger" herstellen und Gemüse für das Außenministerium anbauen. Neben der Arbeit fanden in Boeng Trabek viele - verpflichtende - "Gemeinschaftssitzungen" statt.

"Ich wollte nicht an diesen Sitzungen teilnehmen, weil Savorn [der für Boeng Trabek verantwortliche Khmer-Rouge-Kader] uns so oft beschimpfte. [...] Er sagte: 'Unser Kopf verdient es, mit einer Hacke geschlagen zu werden' unzählige Male. Während jeder Sitzung zählte ich es in meinem Tagebuch, so, wie man den Punktestand bei einem Fußballspiel zählt. Ich zählte 30 bis 40 Mal die Hacke, die unseren Kopf schlägt, nach jeder Sitzung. Bei der Arbeit mussten wir sehr vorsichtig sein. Wenn wir in der Erde gruben, mussten wir aufpassen, um den Stiel der Hacke nicht zu zerbrechen; ansonsten würden wir beschuldigt werden, ein Feind zu sein." (Sarem, 2008, S. 64)

Vor allem nach diesen Sitzungen wurden viele Menschen in Transportern von Boeng Trabek weggebracht. Neou Sarem erinnert sich, dass viele glücklich zu sein schienen, Boeng Trabek verlassen zu können - ohne sich des ihnen bevorstehenden Todes bewusst zu sein. Sie selbst blieb fast drei Jahre in Boeng Trabek, bis die Roten Khmer das Lager im Januar 1979 räumten.


Hier sind alle Stationen auf dem Weg von Neou Sarem auf einer Karte:

Quelle: Google Maps

Der Weg der Befreiung

Am Morgen des siebten Januar 1979 räumten die Roten Khmer Boeng Trabek. Sie brachten alle Insassen zum Bahnhof, um sie mit dem Zug in Richtung der thailändischen Grenze zu bringen. Allerdings stoppte der Zug in Sdok Ach Romeas in der Provinz Kampong Chhnang. Von dort aus mussten die Returnees also zu Fuß weitergehen. Am Abend hörten sie in einem Radiobericht, die Pol Pot-Ieng Sary-Clique sei bereits gestürzt worden. Allerdings waren die rund 100 Returnees, mit denen Neou Sarem zu diesem Zeitpunkt unterwegs war, weiterhin sehr vorsichtig und folgten den Befehlen der Kader, da niemand so recht wusste, wer gerade tatsächlich die Macht hatte und wer wen unterstützte.

"Es war so, als würde ich im Fluss einem Krokodil und an Land einem Tiger gegenüberstehen. Das Wichtigste war, am Leben zu bleiben. Ich mochte die Roten Khmer zwar nicht, aber ich wollte auch nicht, dass die Vietnamesen Kambodscha einnehmen." (Sarem, 2008, S. 81)

Die Kader brachten die Returnees in ein Dorf, dort sollten sie zusammen mit den Dorfbewohner:innen Landwirtschaft betreiben. Das war in dem Sinne etwas Besonderes, als dass die Roten Khmer vorher stets versucht hatten, Kontakt zwischen Returnees und Angehörigen des "Basisvolks" zu unterbinden. Mitte Februar wurden die Returnees dann angewiesen, nach Bavel zu laufen, einem kleinen Ort auf dem Weg zur thailändischen Grenze.

Auf dem Weg verkleinerte sich ihre Gruppe, und Neou Sarem war letztlich nur noch mit zwei kleinen Mädchen, zwei anderen Frauen und zwei Männern unterwegs. Statt Bavel erreichten sie die Kooperative Russei, wo sie für einige Zeit blieben und angewiesen wurden, Unkraut zu jäten.

"In der Kooperative Russei war es uns verboten, die kleinen Maniokwurzeln aufzuheben, die auf dem Feld geblieben waren. Wagten wir uns, sie zu berühren, würden uns die Roten Khmer des Stehlens beschuldigen und uns töten." (Sarem, 2008, S. 92-93) 

Im April erwartete Neou Sarem eine große Feier zum "Tag des Sieges", allerdings blieb sie aus. Stattdessen kam einige Tage später ein Dorfvorsteher und verkündete, Angkar "demobilisiere" nun die Bevölkerung. "Demobilisierung" bedeutete, dass alle frei waren hinzugehen, wo sie wollten.

"Als ich von der Demobilisierung hörte, [...] wollte ich nach Frankreich zurückkehren. Dieses Mal wollte ich sichergehen, dass ich überlebe, erst dann könnte ich nach Überlebenden suchen. Wenn meine Kinder noch am Leben wären, würde ich versuchen, Geld zu verdienen, damit ich sie mit dem Geld aus Kambodscha herausholen könnte." (Sarem, 2008, S. 96)

Auf dem Weg in die USA

Mit ihrer kleinen Gruppe machte sich Neou Sarem also auf den Weg in Richtung Thailand. In einem der Dörfer, die sie durchquerten, traf sie eine entfernte Verwandte, die ihr erzählte, dass ihre ganze Familie unter den Roten Khmer gestorben ist. Dennoch führte Neou Sarem ihren Weg fort und Mitte Mai erreichten sie und ihre Mitflüchtlinge die thailändische Grenze bei Nang Chan. Zwei Wochen später wurde Neou Sarem mit der einen Frau und den beiden Männern, mit denen sie unterwegs gewesen war, in das Lumphini Flüchtlingscamp in der Nähe von Bangkok gebracht. Nach zwei weiteren Wochen und einigen Interviews erhielt Neou Sarem einen Brief, mit dem sie in die USA reisen durfte.

"Erst als ich in Thailand in das Flugzeug stieg, konnte ich glauben, dass es mir tatsächlich gelungen war, dem ungebildeten Khmer-Rouge-Regime zu entkommen. Allerdings sorgte ich mich um meine Familie, die ich noch nicht hatte finden können. Ich landete in den USA am 16. Juni 1979." (Sarem, 2008, S. 108)

Der Weg, den Neou Sarem von Phnom Penh bis ins Flugzeug nach Bangkok zurücklegte, ist hier nachgezeichnet:

Im November erhielt Neou Sarem einen Brief von einer Cousine aus Frankreich, die schrieb, dass fast alle von Neou Sarems Verwandten unter den Roten Khmer gestorben waren.

"Nachdem ich den Brief gelesen hatte, schien mein Körper in tausend Teile zu zerbrechen. Mein Verstand brach zusammen. Mein Körper zitterte, ich konnte weder sitzen noch stehen. Ich versuchte, tief zu atmen. Einen Moment später ging es mir schon besser. Ich rasierte meine Haare ab, um die Toten zu betrauern. Ich hatte erfahren, dass meine zwei Brüder, die nicht mit meinen Eltern gegangen waren, noch lebten. Der eine lebte nahe der thailändischen Grenze, der andere in der Region am Fluss." (Sarem, 2008, S. 109)

In den USA begann Neou Sarem ein neues Leben. Sie zog nach Minnesota und heiratete ein zweites Mal. Ihr Ehemann teilt das Schicksal, Kambodschaner zu sein und die eigene Familie durch die Roten Khmer verloren zu haben. Gemeinsam starteten sie 1992 einen Auslandsradiosender auf Khmer. Später zog das Paar nach Maryland und bekam eine Tochter. Neou Sarem verpflichtete sich der Erinnerung und setzt sich aktiv dafür ein, die Vergangenheit nicht zu vergessen.

Quellen:

Sarem, N. (2008). Neou Sarem's Oral History. (P. Reasey, Interviewer) VOA Khmer Service. Phnom Penh. Retrieved from https://archive.eccc.gov.kh/documents/1049655?title=E3/6934&matterId=49

Bildquellen: Google Maps,

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