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Returnees

  • 21. Juli
  • 8 Min. Lesezeit

Ich habe ja schon ein bisschen erzählt, dass mein Kollege und ich uns für unsere Ausstellung mit Returnees beschäftigen, das hier ist jetzt ein Artikel, der sich inhaltlich mit dieser Gruppe befasst.

Returnees sind Kambodschaner:innen, die vor der Machtübernahme der Roten Khmer im Ausland gelebt haben - bspw. als Diplomat:innen, für eine Ausbildung oder ein Studium - und sich nach dem 17. April 1975 entschieden haben, nach Kambodscha zurückzukehen, trotz der Herrschaft der Roten Khmer. Nach ihrer Rückkehr standen sie als sogenannte "Intellektuelle" allerdings unter besonderer Beobachtung und viele der Rückkehrer:innen wurden ermordert.

Allgemeines

Spätestens seit der kambodschanischen Unabhängigkeit von Frankreich gingen viele Kambodschaner:innen ins Ausland. Die allermeisten von ihnen waren Student:innen, die in Frankreich, oft Paris, studieren wollten. Unter ihnen waren auch viele der späteren hochrangigen Khmer-Rouge-Kader selbst.

Abgesehen von den Studierenden verließen seit 1974 vermehrt Soldaten der Lon-Nol-Truppen Kambodscha, um in den USA militärisches Training zu erhalten. Damit strebte die Lon-Nol-Regierung an, den Bürgerkrieg in Kambodscha noch für sich entscheiden zu können - vergeblich.

Als die Roten Khmer im April 1975 die Macht in Kambodscha übernahmen, verlor der Pass der Republik Khmer unter Lon Nol (1970-1975) seine Gültigkeit. Dementsprechend mussten alle Kambodschaner:innen - vor allem, wenn sie in ihr Heimatland zurückkehren wollten - zu einer Auslandsvertretung der Roten Khmer, für die meisten war die zuständige Behörde in Paris, gehen und dort einen neuen Pass beantragen.

Aus den Dokumenten der Vertretung in Paris geht hervor, dass mindestens 232 Personen nach Kambodscha zurückkehren wollten. Allerdings sind die erhaltenen Dokumente unvollständig, sodass die tatsächliche Zahl der dort beantragten Pässe wahrscheinlich deutlich größer ist. Unter diesen 232 Kambodschaner:innen war die überwiegende Mehrheit, 184 Personen, zwischen 18 und 35 Jahren alt. Die allermeisten von ihnen kehrten 1976 zurück, in den Folgejahren ging die Anzahl der Rückkehrer:innen deutlich zurück.

Diese Grafik basiert auf den Dokumtenten der Khmer-Rouge-Vertretung in Paris, die im Documentation Center of Cambodia vorliegen: Sie zeigt eine Tendenz über Geschlecht und Familienstand der im Ausland lebenden Kambodschaner:innen. Da die Dokumente aber nicht vollständig erhalten sind, werden nicht alle Returnees abgebildet.

Der Aufruf der Roten Khmer, zurückzukehren

Die Roten Khmer sagten den Kambodschaner:innen im Ausland, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten würden gebraucht, um Kambodscha nach dem Bürgerkrieg wieder aufzubauen. Tatsächlich wollten die Roten Khmer sie umbringen.

Innerhalb der Führungsriege spielte die Mission, Kambodschaner:innen imi Ausland von einer Rückkehr zu überzeugen, eine große Rolle, in der Öffentlichkeit wurde sie jedoch kein einziges Mal erwähnt.

Die Roten Khmer wollten, dass alle sogenannten "Intellektuellen" aus dem Ausland nach Kambodscha zurückkehren. Der Grund dafür war so simpel wie schrecklich: Sie wollten sie umbringen, damit niemand ihre Herrschaft hinterfragte.

Um dieses Ziel zu erreichen, nutzten die Roten Khmer verschiedene Maßnahmen. Bei einem Besuch in Japan im Jahr 1976 traf sich der Khmer-Rouge-Außenminister Ieng Sary bspw. mit kambodschanischen Studierenden dort, womöglich, um sie von einer Rückkehr zu überzeugen. Außerdem sandten die Roten Khmer Briefe an alle Kambodschaner:innen im Ausland. Darin schrieben sie, das Wissen und die Fähigkeiten, die die Menschen im Ausland erworben hatten, würden gebraucht, um Kambodscha nach dem Bürgerkrieg wieder aufzubauen. Deshalb sollten sie in ihr Heimatland zurückkehren. Zusammen mit dem Brief erhielten die Menschen ein Ticket für einen Flug nach Phnom Penh.

"Wir alle bekamen eine Einladung vom ehemaligen Pol-Pot-Regime. Sie war sehr schön geschrieben, wir sollten alle zurückkehren, um Kambodscha wieder aufzubauen. Das war der Trick, um Menschen von einer Rückkehr zu überzeugen." - Sonny Thet

Neben der direkten Ansprache der Menschen im Ausland verbreiteten die Roten Khmer ihre Ideologie durch das Radio. Sie versuchten, das Demokratische Kampuchea als erfolgreich und wohlhabend darzustellen, indem sie diese Misinformationen bspw. durch das Democratic Kampuchea Radio oder einen Auslandsradiosender in Peking verbreiteten. Auch bei Reden auf internationalen Konferenzen verbreiteten die Roten Khmer ihre Ansicht auf das Leben im Demokratischen Kampuchea.

Die Gründe für eine Rückkehr

Die meisten Kambodschaner:innen hatten ihr Heimatland für das Studium verlassen. Dementsprechend beabsichtigten die meisten von ihnen, nach Abschluss des Studiums wieder zurückzukehren. Vor allem die jungen Menschen hofften häufig, dass sie durch ihre Bildung einen Beitrag zum Fortschritt des Landes leisten könnten. Als die Roten Khmer im April 1975 die Macht in Kambodscha übernahmen, waren alle Kambodschaner:innen im Ausland mit der Frage konfrontiert, ob sie zurückkehren sollten oder nicht.

Die Roten Khmer warben für eine Rückkehr, behaupteten, Kambodscha brauche das Wissen der Menschen im Ausland. Und sie verbreiteten ihre Ideologie durch Khmer Radiosender im Ausland. Dennoch standen einige der Kambodschaner:innen im Ausland in Kontakt mit Menschen, die aus Kambodscha geflohen waren. Diese erzählten grauenhafte Geschichten über das neue Regime und seine Brutalität. Die Entscheidung für oder gegen eine Rückkehr wurde von verschiedenen Faktoren beeinflusst, viele waren hin- und hergerissen. Die häufigsten Gründe für eine Rückkehr sind folgende:

  • Pflichtgefühl und Nationalstolz: Viele Studierende verließen Kambodscha in den 1960er Jahren mit einem königlichen Stipendium von Prinz Sihanouk. Die meisten von ihnen wollten dem Land, das ihnen ein Studium im Ausland ermöglicht hatte, etwas zurückgeben. Manche Kambodschaner:innen wollten auch ihr Heimatland nach besten Kräften unterstützen und nach fünf Jahren des Bürgerkriegs wieder aufbauen.

  • politische Überzeugungen: Wie auch die Führungsriege der Roten Khmer selbst kamen einige, vor allem Studierende, im Ausland mit dem Kommunismus in Kontakt und waren überzeugt von diesen Ideen. Dementsprechend wollten sie zurückkehren, um die Roten Khmer bei der Umsetzung der Revolution zu unterstützen.

  • Familie: Für einige Kambodschaner:innen war ihre Familie der Hauptgrund für eine Rückkehr nach Kambodscha. Sie wollten ihre Kinder und Verwandten in einer solch harten Zeit nicht alleine lassen.

  • praktische oder umstandsbedingte Gründe: Manche der Studierenden waren mit einem ganz praktischen Problem konfrontiert: Sie hatten Kambodscha mit einem Stipendium verlassen. Dieses endete - je nach Stipendium - nach dem Fall Prinz Sihanouks oder nach ihrem Abschluss, anschließend hatten sie kein Geld mehr, um weiterhin im Ausland zu leben. Wenn sie keine Arbeit fanden, waren sie also gezwungen, nach Kambodscha zurückzukehren.

Der Weg der Rückkehr

Nach ihrer Machtübernahme bestärkten die Roten Khmer Studierende und andere Kambodschaner:innen im Ausland, nach Kambodscha zurückzukehren. Aber der Weg aus dem Ausland zurück nach Kambodscha war lang.

Diejenigen, die nach Kambodscha zurückkehren wollten, mussten in einer Auslandsvertretung der Roten Khmer einen neuen Pass beantragen, da der alte von der Republik unter Lon Nol (1970-1975) mit der Machtübernahme der Roten Khmer seine Gültigkeit verloren hatte. Da es nicht viele dieser Auslandsvertretungen gab, mussten die meisten Menschen für diesen Antrag nach Paris (alle aus den USA und Europa) oder Peking (Menschen aus Japan und anderen asiatischen Ländern) reisen.

In Paris mussten einige der Menschen Interviews führen, Indoktrinationssitzungen ertragen und lange Zeit warten, bis der Antrag genehmigt wurde. Vom Datum der Antragstellung bis zur Bewilligung konnten durchaus einige Monate vergehen. Sobald sie die Erlaubnis hatten, zurückzukehren, teilten die Roten Khmer ihnen einen Flug nach Phnom Penh zu.

Unter ihrer Herrschaft tolerierten die Roten Khmer nur chinesische Flugzeuge im kambodschanischen Luftraum, weshalb alle Returnees einen Zwischenstopp in Peking machen mussten, einige warteten dort bis zu zehn Tage. Neou Sarem erinnert sich, dass man in Paris gegen eine Gebühr auch einige Tage touristischen Aufenthalts in Peking "dazubuchen" konnte, bevor es in einem zweiten Flug weiter nach Phnom Penh ging.

Umerziehung

Nach der Ankunft am Pochentong Flughafen in Phnom Penh brachten die Roten Khmer die Rückkehrer:innen in ein Umerziehungslager: entweder K-15 oder Boeng Trabek. Die Kader durchsuchten ihr Gepäck und konfiszierten Pässe, Geld und alles andere, das sie als von der 'kapitalistischen Gesellschaft' verachteten.

K-15 war eine ehemalige sowjetische Berufsschule, in der die Returnees Indoktrination und ideologische Erziehung erhielten. Zuerst mussten sie dort eine "Revolutionsbiographie" schreiben, die Informationen über ihr gesamtes Leben enthielt: ihre Kindheit, Studium, jegliche Kontakte, Aktivitäten etc. Anschließend mussten sie an "revolutionärer Bildung" teilnehmen. Khieu Samphan, der Staatspräsident des Demokratischen Kampuchea, persönlich lehrte den Returnees "Unabhängigkeit und Autarkie" als Grundprinzipien der Revolution.

Nach dem Aufenthalt in K-15 wurden die Returnees in eines der Arbeitslager im Umkreis von Phnom Penh gebracht - oder nach Boeng Trabek. Während der gesamten Zeit blieben die Returnees getrennt von anderen Menschen.

Boeng Trabek ist eine ehemalige Oberschule und das größte Gefangenenlager für Returnees. Die Zeit, die Menschen dort inhaftiert waren, variiert von ein paar Tagen bis hin zu mehreren Jahren. Das Lager diente hauptsächlich der Zwangsarbeit. Neben der Arbeit fanden aber auch viele Kritik- und Selbstkritiksitzungen statt. Vor allem nach diesen Sitzungen brachten die Roten Khmer viele Menschen aus dem Lager weg, um sie zu töten. Viele von ihnen schienen glücklich darüber zu sein, Boeng Trabek zu verlassen - unwissend des Schicksals, das sie erwartete.


Das ist eine Karte mit den Orten und Lagern in und um Phnom Penh, in die die Roten Khmer die Returnees brachten.

Returnees in S-21

Zwischen 1970 und 1979 errichteten die Roten Khmer 196 Gefängnisse und Gefangenenlager in Kambodscha. Das 'Sicherheitszentrum' 21, war das hochrangigste davon. Mindestens 18.063 Gefangene wurden in S-21 inhaftiert, verhört, gefoltert und getötet. Unter den Häftlingen des Gefängnisses befanden sich auch zahlreiche Returnees.

In den 1980er Jahren veröffentlichte das Tuol Sleng Museum ein Buch mit verschiedenen Listen der Opfer von S-21. Eine davon zeigt die Namen der Returnees, sowie ihren Beruf und das Land, aus dem sie kamen. Dieser Liste zufolge waren 184 Returnees in S-21 inhaftiert.

Allerdings zeigt die neuere Forschung, dass mindestens 242 Returnees in S-21 gefangen gehalten wurden. Unter ihnen waren Professor:innen, Studierende, Diplomat:innen, Angestellte und Soldat:innen, die aus verschiedensten Ländern nach Kambodscha zurückgekehrt waren.

Das Verhör

In S-21 gab es keine reale Hoffnung, zu überleben, da die Häftlinge während der Verhöre schwerer Folter ausgesetzt waren. In den Verhören wurden die Returnees gezwungen, zu gestehen, Geheimagenten für die US-amerikanische CIA oder den sowjetischen KGB zu sein und dass sie die Revolution betrogen hatten. Dabei folgen die Geständnisdokumente einem bestimmten Schema: Biographie, Geschichte des Verrats, Netzwerkliste und am Ende eine Zusammenfassung.

Einige der Gefangenen waren vor dem ersten Verhör ein paar Wochen inhaftiert, andere bis zu drei Monate. Die Verhöre bestanden aus verschiedenen Phasen:

Zu Beginn mussten alle Gefangenen eine Autobiographie schreiben - unabhängig davon, dass die Roten Khmer bei der Ankunft der Häftlinge in S-21 bereits eine Biographie erstellt hatten. Anschließend wurden die Gefangenen zu ihren Verbindungen zu Geheimdiensten (CIA oder KGB) befragt: wie sie mit ihm in Kontakt gekommen waren, was das Ziel ihrer Arbeit war etc. Ein Fokus lag dabei auf dem "Netzwerk des Verrats", das die Roten Khmer vermuteten. Deshalb zwangen sie alle Gefangenen dazu, eine Liste mit Menschen aufzuschreiben, die diesem vermuteten Netzwerk angehörten.

In der nächsten Phase mussten die Gefangenen alles über die ihnen unterstellte Geheimdiensttätigkeit "gestehen": die Informationen, die sie herausfinden sollten, ihr Arbeitsbereich usw. Daneben mussten sie die Intention des ausländischen Geheimdienstes aufdecken, warum er Agent:innen nach Kambodscha sandte, welches Ziel er verfolgte und was er mit den gewonnenen Informationen anfangen wollte. Anschließend musste der vermutete Agent beschreiben, welche Informationen er weitergegeben hatte.

Am Ende mussten einige Gefangene eine Zusammenfassung ihres eigenen "Geständnisses" schreiben. Zusätzlich dazu schrieben die Vernehmungskader eine Zusammenfassung, aller Wahrscheinlichkeit nach für Duch, den Gefängnisleiter.

Während des gesamten Verhörprozesses kümmerten sich die Roten Khmer nicht um die Wahrheit. Die "Geständnisse" sollten lediglich die Anschuldigungen bestätigen, damit die Roten Khmer (in ihrer Propaganda) zeigen konnten, wie hart sie gegen die "Feinde der Revolution" kämpften. Einige der Gefangenen wussten nicht einmal, wer oder was CIA und KGB waren, und erfanden Geschichten, um die Roten Khmer zufriedenzustellen.

Abschluss

Returnees sind eine Opfergruppe der Roten Khmer, die bislang noch nicht im Fokus von Historiker:innen standen. Auch wenn die genauen Gründe für eine Rückkehr variierten, waren mit der Entscheidung für eine Rückkehr immer Hoffnungen verbunden. Die Menschen wollten ihr Land voranbringen, es nach dem Bürgerkrieg wieder aufbauen und ihre Familie wieder sehen.

Zwar weiß niemand genau, wie viele Returnees unter den Roten Khmer litten oder getötet wurden, aber jeder einzelne Mensch zählt. Alle hatten Träume und Hoffnungen für ihre Zukunft und sie kamen zurück nach Kambodscha, um sie zu realisieren - aber die Roten Khmer zerstörten alles. Jeder einzelne Traum, jede einzelne Hoffnung zerbrach.

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