top of page

Sonny Thet - als Musiker in der DDR

  • 31. Juli
  • 6 Min. Lesezeit

Kindheit und Jugend

Sonny Thet wurde am 18. August 1954 in Kambodscha geboren. Er wuchs im Königspalast in einer musikalischen Familie auf. Nachmittags hörte er immer einen französischen Ex-Soldaten im Nachbarhaus Cello spielen. Sonny Thet war davon sehr fasziniert und wollte selbst das Cellospiel erlernen. Er wurde schnell besser - was auch bei Prinz Sihanouk nicht unbemerkt blieb. Deshalb schickte der Prinz den 15-jährigen Sonny Thet 1969 nach Weimar, um dort an der Franz-Liszt-Universität Klassische Musik und Cello zu studieren.

In den 1960er Jahren schickte Prinz Sihanouk viele junge Menschen zum Studium ins Ausland. Er wollte ihnen eine gute Bildung ermöglichen, damit sie nach ihrem Studium zurück nach Kambodscha kommen und dazu beitragen konnten, das Land voranzubringen. Im Fall Sonny Thets wollte der Prinz, der klassische Musik sehr liebte, ein klassisches Orchester in Phnom Penh aufbauen - mit der Hilfe von Sonny Thet und weiteren Musikstudent:innen. Und so verließ der junge Sonny Thet Kambodscha 1969 - nur kurze Zeit vor dem Putsch von General Lon Nol und dem darauffolgenden Bürgerkrieg.

Durch den Sturz Prinz Sihanouks infolge des Putsches durch General Lon Nol endete das königliche Stipendium für Sonny Thet und die anderen Studierenden im Ausland. Glücklicherweise erlaubte die DDR Sonny Thet und den anderen kambodschanischen Student:innen, weiterhin dort zu leben und ihr Studium zu Ende zu bringen. Im Jahr 1972 gründete Sonny Thet die Band "Bayon", gemeinsam mit dem deutschen Architekturstudenten Christoph Theusner. Durch die Band und die gemeinsamen Auftritte konnte sich Sonny Thet die Weiterführung seines Studiums leisten, das er im Jahr 1975 erfolgreich mit einem Staatsexamen abschloss. Über die Zeit mit der Band sagt er:

"[Wir] waren ganz schön erfolgreich in Ostdeutschland. Wir spielten viel, in allen Städten. Ich verdiente zu der Zeit sogar mehr Geld als mein Professor, der mich im Cellospielen unterrichtete."

Während der Khmer Rouge

Im April 1975 übernahmen die Roten Khmer die Macht in Kambodscha. Für Sonny Thet hatte das direkte Auswirkungen auf sein Leben, da er fortan keine weiteren Briefe von seiner Familie erhielt.

"Das heißt, ich hab völlig wie im Dunkeln gelebt. Wir wussten nichts. Meine Familie in Kambodscha genauso. Sie haben gedacht, ich wäre schon zurückgekehrt und auch schon umgebracht worden, und umgekehrt. Ich dachte, ja, [von] meiner Familie existiert niemand mehr."

Wie fast alle Student:innen wollte Sonny Thet in sein Heimatland zurückkehren. Nicht nur, weil er seine Familie wiedersehen wollte, sondern auch, weil er sehr dankbar für die Möglichkeit war, im Ausland zu studieren und etwas zurückgeben wollte.

Zusätzlich versuchten die Roten Khmer, Kambodschaner:innen im Ausland davon zu überzeugen, zurückzukehren, indem sie vorgaben, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten seien essentiell, um Kambodscha wieder aufzubauen. Allerdings war das nur Täuschung. In der Realität wollten die Roten Khmer jegliche Intellektualität auslöschen - nach dem Vorbild Mao Zedongs in China.

Als Teil dieser Überzeugungsmaßnahmen erhielten die Kambodschaner:innen im Ausland einen personalisierten Brief von der Khmer-Rouge-Führung, eine Einladung ins Konsulat.

"Wir haben alle eine eine Einladung vom ehemaligen Pol Pot Regime erhalten. Und ganz nett geschrieben, wir sollen alle zurückkehren, um Kambodscha mit aufzubauen. Das war der Trick, um Intellektuelle alle nach Hause [zu bringen] und viele Kommilitonen von mir [sagten:] „Ja, guck mal, wie nett“. Aber ich war misstrauisch und mein siebter Sinn sagt, [es] kann nicht sein, irgendwas stimmt hier nicht. [...] Viele Kommilitonen von mir aus Paris, aus Holland, die aus Amerika zurückgekehrt sind, sind alle umgebracht worden, weil sie eben [geglaubt] haben."

Zusammen mit dieser Einladung erhielten die Student:innen ein Flugticket - von den Roten Khmer finanziert - das sechs Monate lang gültig war. Jeden Tag konnten die sie zum Konsulat (in der DDR gab es keine Botschaft des Demokratischen Kampuchea) gehen und sich für einen Platz im Flugzeug registrieren. Die meisten Flüge gingen über Paris oder London. Von der DDR gab es auch einige Verbindungen über Kairo.

Warum im Ausland bleiben?

Wie Sonny Thet erwähnte, wollten fast alle nach Kambodscha zurückkehren - er selbst auch. Die Studierenden waren dankbar gegenüber Prinz Sihanouk, weil er ihnen die Chance gegeben hatte, im Ausland zu studieren, und sie wollten ihrem Land etwas zurückgeben. Allerdings hörte Sonny Thet einige schreckliche Geschichten über das Leben im Demokratischen Kampuchea, unter anderem von seinem Onkel, der über Thailand in die USA geflohen war. Dieser bat Sonny Thet, so lange wie möglich im Ausland zu bleiben und nicht nach Kambodscha zurückzukehren.

"Wir wollen ja nicht in Europa bleiben. Wir wollten ja alle zurück [...]. Gott sei Dank, ich hab während dieser Zeit auch schon Familie gegründet und gesagt: 'Na ja, wir warten erst mal ab, wie die Situation sich dann [entwickelt]‘ und es hat sich wirklich so bewahrheitet."

Sonny Thet wollte zu diesem Zeitpunkt eine Familie gründen, allerdings gestattete die DDR ihm nicht, zu heiraten. Das lag daran, dass das Demokratische Kampuchea im Kalten Krieg zu den blockfreien Staaten zählte und die DDR nicht wollte, dass eine Bürgerin ihres Landes durch die Ehe mit Sonny Thet aus der DDR fliehen könnte. Einige Jahre später wurde es ihnen doch ermöglicht.

Das Demokratische Kampuchea in der DDR

Als die Roten Khmer im April 1975 die Macht übernahmen, wusste Sonny Thet nichts über Pol Pot oder sein Regime. Er erinnert sich, dass es (vor allem in Paris, aber auch in der DDR) verschiedene Vereinigungen kambodschanischer Studierender gab, die sich gegenseitig bekämpften. Die eine Seite unterstützte Pol Pot und seine marxistisch-leninistischen Ideale, die anderen wollten Prinz Sihanouk wieder an die Macht bringen.

Sonny Thet selbst engagierte sich in keiner der Gruppen, er konzentrierte sich auf die Musik. Außerdem musste er sich auf sein Staatsexamen vorbereiten, was zusätzlichen Druck auf ihn legte. Aber die Vorstellung, eines Tages zurückzukehren gab ihm Kraft, um weiterzuarbeiten. Letztlich war es die Musik, die ihn während der harten Zeit des Nicht-Wissens um den Verbleib seiner Familie in Kambodscha rettete.

In den nächsten Jahren erreichten Sonny Thet immer noch keine Neuigkeiten von Kambodscha. Erst 1978 wurde Pol Pot das erste Mal im DDR-Fernsehen gezeigt, beim Besuch einer jugoslawischen Delegation im Demokratischen Kampuchea. Danach erzählte der erste Bericht aus Kambodscha im Januar 1979 vom erfolgreichen Einmarsch der vietnamesischen Armee.

Der erste Besuch in Kambodscha nach Pol Pot

Das erste Mal, das Sonny Thet nach dem Fall der Roten Khmer Kambodscha besuchte, war im Jahr 1992. Der Anlass des Besuchs war von trauriger Natur, denn sein Großvater lag im Sterben und gemeinsam mit seinem Onkel wollte Sonny Thet ihn auf seinem letzten Weg begleiten. Neben diesem Onkel und seinem Großvater haben keine Verwandten von Sonny Thet die Herrschaft der Roten Khmer überlebt, lediglich einige entfernte Cousins und Cousinen, die er nicht wirklich kennt.

"Als ich das Land 69 verlassen habe, für uns, das war wie Märchen, sogar der Innenminister, der von Malaysia wollte sein Heimatland nach Phnom Penh [bauen]. Wir waren schon sehr, sehr, sehr weit damals und als ich in 1992 zurückgekehrt bin, ich konnte mein Land, meine Straße, wo ich jeden Tag zur Schule oder das jetzige [Nationalmuseum], das war meine Hochschule gewesen, da hab ich studiert und unweit von dort ist der königliche Palast [...]. Das war schlimm und ich konnte und wollte mal reingehen, nach meiner Spur zu suchen und ist ja. Und das Schlimme für mich, weil ich schon so lange außerhalb gelebt habe, man hat mich gar nicht mehr als ihr eigener Landsmann erkannt und wenn ich Khmer gesprochen habe, sagt man mir: „Wo haben Sie unsere Sprache gelernt? Sie sprechen ja perfekt Khmer!“ Und da muss ich mich immer beteuern, sagte: "Leute, ich bin einer von euch." Ich hab ja nur lange draußen gelebt, ne? Aber mein erstes Erlebnis Kambodschas war schlimm. Wie ich schon erwähnt habe, ich roch [es] noch, es roch nach Leiche; vielleicht nur Einbildung, alles kaputt, alles verwüstet und man konnte überhaupt nichts mehr erkennen. [...] Das waren mal meine Wege, der Monivong Boulevard oder das lycée Sisowath, das war meine Schule und ich konnte nichts mehr erkennen."

Später hat Sonny Thet Kambodscha noch einige Male besucht. Mit seiner Familie aus Deutschland kam er im Jahr 2002, um einen Stupa für seine verstorbenen Eltern zu errichten. Mit diesem Besuch verbesserte sich seine Wahrnehmung von Kambodscha, aber es fühlt sich für ihn immer noch komisch an, dort zu sein, weshalb er nie länger als ein paar Wochen bleibt.

Sonny Thet's Musik

Im Jahr 1972 gründeten Sonny Thet und Christoph Theusner, ein Architekturstudent aus der DDR, die Band "Bayon". Vier Jahre später veröffentlichten sie ihre erste Single, "Lautensuite". Von da an wurde Sonny Thet mit seiner Musik sehr erfolgreich - zunächst in der Band, später als Solokünstler; er veröffentlichte unter anderem die Alben "Cello meets Cello" (2000), "Zauberland" (2005) oder "Cello Royal" (2010). Auch als Duo mit seinem Sohn trat er unter dem Namen "THET á THET" seit 2010 erfolgreich auf. 2016 veröffentlichten sie ein gemeinsames Album mit dem Titel "I'm Yours".

Im Laufe seiner Karriere unterstützte Sonny Thet als Studiomusiker viele bekannte deutsche Künstler:innen, unter anderem Rio Reiser, Katja Riemann oder die Söhne Mannheims und spielte Konzerte in Europa, Asien und den USA. In den letzten Jahren konzentrierte Sonny Thet seine Arbeit auf Theaterproduktionen, vor allem solche, die sich mit Themen wie Krieg und Frieden beschäftigen.

Sonny Thet und Christoph Theusner wurden später als die Pioniere des Genres "Weltmusik" bezeichnet - ein Musikstil, der klassische Musik mit ausländischen Einflüssen fusioniert.

Heute lebt Sonny Thet mit seiner Frau in Berlin, wo er 2019 mit einem Konzert in der Kulturbrauerei seinen 65. Geburtstag feierte. Mehr Infos zu ihm gibt es auf seiner Webseite https://sonny-thet.jimdosite.com/. Er ist ein außergewöhnlicher Musiker, der stets offen für Neues ist und ein warmherziger, empathischer Mensch. Eine Sache, die er der nächsten Generation mitgeben möchte, ist folgende:

"Freunde, mit Gewalt erreicht ihr überhaupt nichts und wenn ihr ein System verändern möchtet, geht in die Politik, geht mit rein und versucht, es von innen heraus ohne Gewalt zu verändern.“

Quellen:

Interview mit Sonny Thet am 26.02.2026.

1 Kommentar


Petra Specht
06. Aug.

Liebe Elli, danke für den Text, da habe ich schon soo lange drauf gewartet. Liebe Grüße von Belas Oma 😊

Gefällt mir
bottom of page