Recap Woche 15: Zwischen Konflikt und Alltag
- 25. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Mir ist am Wochenende bewusst geworden, dass ja schon der dritte Advent ist und das heißt, es ist auch gar nicht mehr so lange bis Weihnachten. So wirklich Weihnachtsstimmung herrscht hier allerdings nicht... Aber ganz von vorne:

Samstagnachmittags hatte ich mich mit Bong Salina und Bong Seng Loeung verabredet, um gemeinsam auf die Buchmesse zu gehen. Die Buchmesse von Phnom Penh findet regelmäßig einmal im Jahr statt. Dort gibt es alles Mögliche an Büchern zu kaufen: von Arbeitsheften für die Schule über Romane und Alltagsliteratur, internationale Literatur bis hin zu Fachpublikationen von den Universitäten, dem Center for Khmer Studies oder anderen Forschungseinrichtungen ist alles vertreten. Auch das Tuol Sleng Museum hatte einen Stand, an dem es seine bisher publizierten Bücher zu Office S-21 verkauft hat.
Witzigerweise fand die Messe in einem Viertel von Phnom Penh statt, das Elysée heißt. Jetzt kann man sich natürlich fragen, warum das Viertel so heißt, die Antwort ist einfach: Weil es aussieht wie in Paris. Es gibt sogar eine Nachahmung des Triumphbogens! Was die Hintergründe von diesem Viertel sind, also wann und unter welchen Umständen es gebaut wurde, weiß ich nicht, es wird aber für Messen oder Ähnliches genutzt. Außerdem gibt es dort einige Konferenzhotels und Wohnungen. Wahrscheinlich sind nicht nur die Gebäude, sondern auch die Preise ähnlich wie in Paris 😂
Zurück zu den Büchern: Mein Einkauf beschränkte sich auf ein paar Kinderbücher zum Lesenlernen 😅. Mal ganz davon abgesehen, dass die allermeisten Bücher auf Khmer geschrieben waren, muss ich ja alle Bücher, die ich mir hier anschaffe, wieder nach Deutschland transportieren und leider habe ich nicht unbeschränkt viel Platz im Koffer…

Abends bin ich zu einer sehr weihnachtlichen Veranstaltung gegangen: Die International Christian Fellowship Kirche Phnom Penh hat zu einem „Cookies and Carols“ eingeladen und da dachte ich mir, warum nicht? Weihnachtslieder singen und ein paar Plätzchen essen kann bestimmt nicht schaden, gerade weil die allgemeine Stimmung durch den Schatten des Grenzkonflikts, der über allem liegt, recht getrübt ist. Die allermeisten Menschen, mit denen ich mich dort unterhalten habe, waren Expats, also Menschen, die nicht aus Kambodscha stammen (so wie wir Freiwillige auch). Das war aber auch nicht anders zu erwarten, da in Kambodscha selbst nur sehr wenige Menschen christlich sind. Witzigerweise habe ich eine andere Deutsche getroffen, die auch einen Freiwilligendienst hier macht, aber nur für sechs Monate. Es war ein echt schöner Abend, völlig losgelöst von allem anderen, was aktuell so passiert. Und die Plätzchen waren auch echt lecker😋
An dieser Stelle noch ein bisschen mehr zu Weihnachten in Kambodscha: Ich war ehrlicherweise sehr überrascht, wie viele Weihnachtsbäume hier in den Geschäften stehen und wie viel Dekoration und sonstige Dinge es anlässlich des Weihnachtsfestes zu kaufen gibt. Da Kambodscha mehrheitlich buddhistisch ist, habe ich absolut nicht damit gerechnet. Vor allem von großen Geschäften und Ketten wird Weihnachten dennoch zu kommerziellen Zwecken genutzt, während die wenigsten Menschen Weihnachten feiern.
Im letzten Blogbeitrag hatte ich erwähnt, dass unser Fahrrad einen Platten hat. Nachdem ich unsere Vermieterin gefragt hatte, wo der nächste Fahrradreparaturladen ist, bin ich dort freitags nach der Arbeit hingegangen. Allerdings konnte mir der Mitarbeiter dort nicht weiterhelfen. Er meinte, ich solle zum Russian Market gehen, dort gebe es noch andere Läden, die mir weiterhelfen können. Allerdings solle ich das lieber samstagmorgens machen, da die meisten Werkstätten um die Uhrzeit wahrscheinlich schon geschlossen hätten. Das war um 18 Uhr.
In Deutschland würde man wahrscheinlich sagen, dass ungewöhnlich ist, um diese Uhrzeit schon zu schließen. Hier ist das ziemlich üblich, denn der Tagesrhythmus ist komplett anders: Viele Menschen stehen morgens sehr früh auf (zwischen vier und fünf), gehen dafür aber in der Regel auch schon um acht oder neun Uhr abends zurück. Meine Kolleg:innen haben mir erklärt, dass dieser Tagesrhythmus, der sich stark an dem Sonnenauf- bzw. -untergang orientiert, ein Überbleibsel der Zeit ist, als die Mehrheit der Bevölkerung auf dem Land und ohne Strom lebte. Auf dem Land ist dieser Rhythmus immer noch stärker vertreten als in der Stadt, aber uns ist auch schon aufgefallen, dass die Straßen hier schon um neun oder zehn Uhr so leer sind, dass man auch denken könnte, es sei ein oder zwei Uhr nachts. Natürlich kommt das aber auch auf das Viertel an, in dem man sich bewegt. So kommt es auch, dass die Mittagspause in vielen Schulen (oder auch bei uns im Museum manchmal) schon um elf Uhr anfängt. Ein Kollege meinte mal zu mir, früher hätten die Menschen nicht gefrühstückt und deshalb so früh schon Mittagspause gemacht. Schließlich standen sie schon ab sechs Uhr morgens auf dem Feld. Wahrscheinlich kommt gerade auf dem Land auch die Mittagshitze dazu, die es einem unmöglich macht, Feldarbeit zu leisten.
Ich weiß nicht genau, auf welche Zeitspanne diese Lebensweise bezogen ist. Seitdem hat sich das Leben der Menschen auf dem Land und in der Stadt gleichermaßen, sowie auch die Gesellschaft stark verändert. Ein paar kleine Überbleibsel gibt es aber trotzdem noch 😉
Für die Fahrradreparatur war das kein Problem, ich habe es also samstagfrüh zur Reparatur gebracht und sonntags wieder abgeholt (schließlich war ich den Samstagnachmittag beschäftigt, siehe oben 😁).
Wer aufmerksam meinen Blog verfolgt, fragt sich nach diesem Wochen-Recap vielleicht, warum ich nicht beim Research Program war, denn das hat ja bisher jedes Wochenende stattgefunden. Die Antwort ist einfach: Es ist vorbei. Das Training dreht sich ja darum, Methoden und Praxiserfahrungen im Bereich der Forschung zu den Khmer Rouge zu vermitteln. Aus den gewonnenen Erkenntnissen schreiben die Teilnehmenden – wie es sich für die Forschung gehört – einen Research Report zum Leben unter den Khmer Rouge in der untersuchten Kommune, in unserem Fall Kat Phluk. Letzte Woche hatte ich auch schon geschrieben, dass wir den ersten Entwurf fertig gestellt haben, dementsprechend ging es nach der zweiten Interviewrunde nur noch darum, die Texte innerhalb der Gruppen zu überarbeiten und dafür müssen wir uns nicht mit allen treffen. Damit ist das Projekt abgeschlossen. Ich bin schon sehr gespannt auf das Buch😊
Ein bisschen schade ist es ja schon, dass das Programm vorbei ist, denn es hat mir immer viel Spaß gemacht… Gleichzeitig bin ich aber auch ganz froh, meine Wochenenden wieder frei zu haben und nicht sieben Tage im Museum zu verbringen😅



Kommentare