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Das "Demokratische Kampuchea"

  • 22. Juni
  • 8 Min. Lesezeit

"Demokratisches Kampuchea" - so nannten die Khmer Rouge Kambodscha während ihrer Herrschaft. Auf dem dritten nationalen Kongress am 14. Dezember 1975 wurde die Verfassung des Demokratischen Kampuchea verabschiedet. Knapp einen Monat später, am fünften Januar 1976, trat sie in Kraft. Dass die Verfassung in der Realität kaum umgesetzt wurde, überrascht wahrscheinlich niemanden. Zuerst beschäftigt sich dieser Artikel dennoch mit den Idealen und Grundsätzen, die diese Verfassung festschreibt sowie mit dem Aufbau des Staates „Demokratisches Kampuchea“. Am Ende geht es auch darum, wer im Staat der Roten Khmer tatsächlich die Entscheidungen traf.

Allgemeines zum Staat

Grundsätzlich legt der erste Artikel fest, dass Kambodscha ein „unabhängiger, vereinter, friedlicher, neutraler, blockfreier, souveräner und demokratischer Staat mit territorialer Integrität“ ist. Es sei der Staat der Arbeiter und Bauern Kambodschas und er trage den Namen „Demokratisches Kampuchea“.

Als Hauptstadt wurde Phnom Penh festgelegt und die Nationalflagge sollte rot mit einer gelben Silhouette eines Tempels mit drei Türmen sein. Die Bedeutung dieser Flagge ist gemäß Artikel 16 wie folgt: „Der rote Hintergrund symbolisiert die revolutionäre Bewegung, den entschlossenen und tapferen Kampf des kampucheanischen Volkes für nationale Befreiung, Verteidigung und Fortschritt. Das Monument in gelber Farbe symbolisiert die nationale Tradition und das Volk Kampucheas, das ein immer glorreicheres Land errichtet und verteidigt.“ Artikel 17 beschreibt das nationale Wappen. Es bestand aus einem „System von Deichen und Bewässerungskanälen, die für die Industrie stehen. Sie werden eingerahmt von zwei gebogenen Reisgarben und unten steht die Inschrift: DEMOKRATISCHES KAMPUCHEA.“ Die Nationalhymne - von Pol Pot persönlich verfasst - hieß „Der glorreiche 17. April“.

Text der Nationalhymne

„Glitzerndes rotes Blut, das die Städte und das Land des kambodschanischen Mutterlandes bedeckt! Blut unserer tapferen Arbeiter und Bauern!

Blut unserer revolutionären Jugend! Blut, das sich in Wut, Zorn und energischen Kampf verwandelte! Am 17. April, unter der Fahne der Revolution! Blut, das uns von der Sklaverei befreite!

Lang lebe der 17. April, der große Sieg! Wunderbarer und viel bedeutsamer als die Ära Angkors! Wir vereinen uns, um Kampuchea und eine glorreiche Gesellschaft aufzubauen, demokratisch, egalitär und gerecht; unabhängig; absolut entschlossen, das Land, unser glorreiches Land, zu verteidigen; Lang lebe! Lang lebe! Lang lebe das neue Kampuchea, demokratisch und glorreich blühend; entschlossen, die revolutionäre rote Fahne höher zu hissen; unser Land aufzubauen, um den glorreichen Großen Sprung nach vorn zu vollbringen!“

(Pheng, Chandler, Dearing, & Sopheak, 2020, S. 30)

Hier ist noch eine youtube-Version davon:

https://www.youtube.com/watch?v=xzLWpEQqJCM&list=RDxzLWpEQqJCM&start_radio=1

Die Kultur des Demokratischen Kampuchea wird in Artikel drei der Verfassung als "national, bekannt, progressiv und heilsam" beschrieben. Sie diene "der Verteidigung Kampucheas sowie der Errichtung eines Landes, das Tag für Tag mehr aufblüht. Die neue Kultur kämpf[e] entschieden gegen die verdorbene und reaktionäre Kultur der Unterdrücker, des Kolonialismus und Imperialismus in Kambodscha.“

Politisches System

Die Verfassung des Demokratischen Kampuchea beschreibt den Staat als demokratisch. Dafür sollte es ein Parlament, die Versammlung der Volksvertreter Kampucheas, geben, in dem alle Bevölkerungsschichten repräsentiert sein sollten. Diese Versammlung sollte aus 250 Mitgliedern bestehen: 150 Bauern, 50 Arbeiter und 50 Mitglieder der Revolutionsarmee.

Die Revolutionsarmee sollte eine Armee des Volkes sein. Ihre Aufgabe bestand laut Verfassung in der Verteidigung der Macht des Volkes sowie der Überzeugungen und nationalen Integrität des Demokratischen Kampuchea. Daneben sollte auch sie zum Fortschritt des Landes beitragen, um den Lebensstandard der Menschen zu erhöhen und das Land wohlhabender zu machen. Die Revolutionsarmee sollte in drei Kategorien unterteilt sein: die regulären Kräfte, die regionalen Gruppen und die Guerilla-Kämpfer (Artikel 19).

Die exekutive Gewalt sollte eine Regierung innehaben, „ein Organ, das für die Umsetzung von Gesetzen und für die Realisierung der politischen Linien verantwortlich ist, die von der Versammlung der Volksvertreter Kampucheas beschlossen werden“ (Artikel 8). Diese Regierung sollte von der Versammlung ernannt werden und ihr gegenüber für alle Aktivitäten innerhalb und außerhalb des Landes verantwortlich sein.

Im darauffolgenden Artikel regelt die Verfassung das Justizsystem. Die Rechtsprechung sollte vom Volk selbst ausgeübt werden. Mit "Volksgerichten" sollte Gerechtigkeit garantiert, demokratische Freiheiten verteidigt und jegliche Aktivitäten, die sich gegen den Staat oder seine Gesetze richten, bestraft werden. Die Richter auf allen Ebenen sollten von der Volksversammlung ernannt werden.

Als Staatsoberhaupt sollte gemäß Artikel elf ein Staatspräsidium agieren. Dieses sollte alle fünf Jahre von der Volksversammlung ausgewählt und ernannt werden. Seine Aufgabe sollte in der Repräsentation des Demokratischen Kampuchea im In- und Ausland sein – innerhalb der Grenzen der Verfassung und im Einklang mit den Gesetzen und politischen Entscheidungen der Volksversammlung. Das Präsidium sollte aus einem Präsidenten sowie zwei Vizepräsidenten bestehen.

Leben und Arbeit

Das Leben im Demokratischen Kampuchea sollte von vollständiger Gleichheit geprägt sein. Laut Artikel zwölf haben „alle Bürger […] das Recht, ein materielles, moralisches und kulturelles Leben zu genießen, das dauerhaft verbessert wird.“ Verfassungsgemäß ist die Existenz aller Bürger:innen gesichert. Außerdem sollten alle das Recht haben, arbeiten zu gehen und laut der Verfassung gibt es „absolut keine Arbeitslosigkeit“ im Demokratischen Kampuchea.

Gemäß Artikel 13 sollte vollständige Gleichheit zwischen allen Bürger:innen herrschen, denn die Gesellschaft basiere auf „Gleichheit, Gerechtigkeit, Demokratie, Harmonie, Zufriedenheit, [und] auf der großartigen nationalen Einheit, das Land gemeinsam zu verteidigen und voranzubringen.“ Explizit genannt wird hierbei die Gleichheit von Männern und Frauen. Polygamie und Polyandrie waren verfassungsmäßig verboten. Artikel 20 sieht eine Religionsfreiheit vor. Gleichwohl waren alle "reaktionären Religionen“ verboten, die "das Demokratische Kampuchea und sein Volk verletzen“.

Die allgemeine Gleichheit bezog sich nicht nur auf Rechte und Pflichten der Menschen. Laut Artikel zwei der Verfassung des Demokratischen Kampuchea waren „alle relevanten Produktionsgüter […] Eigentum des Kollektivs des Volksstaats“. Gegenstände des täglichen Bedarfs sollten allerdings weiterhin individuelles Eigentum sein.

Außenpolitische Leitlinien

In Artikel 21 der Verfassung wird die grundsätzliche außenpolitische Einstellung des Demokratischen Kampuchea festgeschrieben. Das Demokratische Kampuchea sei „ausdrücklich entschlossen [...], enge und freundschaftliche Beziehungen zu allen Ländern zu unterhalten, die eine gemeinsame Grenze mit ihm haben, sowie zu allen Ländern der Welt, nah oder fern, auf der indiskutablen Basis von gegenseitigem Respekt der Souveränität und territorialen Integrität“ (Artikel 21).

Das Demokratische Kampuchea selbst verfolge eine Politik „der Unabhängigkeit, des Friedens, der Neutralität und Blockfreiheit.“ Jegliche Einmischung des Auslandes in die inneren Angelegenheiten des Landes würden heftig bekämpft, seien sie „militärischer, politischer, kultureller, wirtschaftlicher, sozialer, diplomatischer [Art] oder als sogenannte humanitäre Aktivitäten präsentiert“. Dementsprechend waren auch keinerlei ausländische Militärbasen auf kambodschanischem Territorium gestattet.

Ebenso wie es die Einmischung in die eigene Innenpolitik ächte, mische sich das Demokratische Kampuchea gemäß seiner Verfassung nicht in die internen Angelegenheiten anderer Staaten ein. Es achte die nationale Souveränität eines jeden Staates in höchstem Maße und sei der Überzeugung, dass jeder Staat das Recht hat, seine eigenen Angelegenheiten ohne Einmischung von außen zu regeln.

Abschließend zur Außenpolitik besagt Artikel 21, dass das Demokratische Kampuchea als Mitglied er „großartigen Familie der blockfreien Staaten“ sein Bestes gebe, um „Solidarität mit den Völkern der Dritten Welt in Asien, Afrika und Lateinamerika sowie mit allen friedens- und gerechtigkeitsliebenden Völkern der Welt [zu entwickeln], und gegenseitige Hilfe und Unterstützung im Kampf gegen Imperialismus, Kolonialismus und Neokolonialismus, für echte Unabhängigkeit, Frieden, Freundschaft, Demokratie, Gerechtigkeit und Fortschritt in der Welt zu fördern.“

Wer regierte vor der Verfassung?

Die Khmer Rouge haben die kambodschanische Hauptstadt Phnom Penh schon am 17. April 1975 eingenommen, die Verfassung trat aber erst knapp neun Monate später in Kraft. Wer regierte also in der Zwischenzeit?

Um diese Frage zu beantworten, springen wir nochmal ein Stückchen zurück, in das Jahr 1970. In diesem Jahr putschte sich der General Lon Nol an die Macht und gründete die „Khmer Republic“. Prinz Sihanouk war damit gestürzt und lebte im Exil in China. Von dort aus gründete er eine Exilregierung mit vielen Politikern, die Mitglieder der Kommunistischen Partei Kambodschas waren. Sie hieß „Königliche Regierung der nationalen Union Kampucheas“ (gemäß der französischen Abkürzung GRUNK). Seither kämpfte diese Regierung gegen die Herrschaft Lon Nols. Wichtige Personen dieser Regierung, die auch im Demokratischen Kampuchea noch relevant waren, sind der Verteidigungsminister Khieu Samphan, der Minister für Information und Propaganda Hu Nim, und die Vizeministerin für Bildung und Jugend Ieng Thirith. Die einzigen beiden Mitglieder der Exilregierung, die keine Parteimitglieder waren, sind der Premierminister Penn Nouth und Norodom Sihanouk als Staatsoberhaupt.

Nachdem die Khmer Rouge im April 1975 Phnom Penh eingenommen hatten, übernahm die GRUNK-Regierung offiziell die Regierungsgeschäfte – mit einigen personellen Veränderungen: Prinz Sihanouk und Penn Nouth behielten ihre Titel bis zum Inkrafttreten der neuen Verfassung, hatten aber ab April 1975 keinerlei reale Macht mehr. Dafür kamen Pol Pot als Beauftragter für Wirtschaft und Militär, Ieng Sary als Außenbeauftragter, Son Sen als Beauftragter für Personalangelegenheiten und Sicherheit sowie Nuon Chea als Beauftragter für Parteiangelegenheiten, Kultur, Bildung und Propaganda zur Regierung hinzu (Stand Oktober 1975).

Mit Inkrafttreten der neuen Verfassung im Januar 1976 veränderte sich die Regierung stark. Nach der Abdankung Prinz Sihanouks wurde Khieu Samphan zum Präsidenten des Staatspräsidiums und somit zum Staatsoberhaupt des Demokratischen Kampuchea. Pol Pot wurde Premierminister und damit das Oberhaupt der Exekutive. Unter ihm standen Ieng Sary (stellvertretender Premierminister und Außenminister), Vorn Vet (stellvertretender Premierminister und Minister für Wirtschaft und Finanzen) und Son Sen (stellvertretender Premierminister und Verteidigungsminister). Die offizielle Leitung der Legislative hatte Nuon Chea als Vorsitzender der Versammlung der Volksvertreter Kampucheas inne. Sein Stellvertreter war Ta Mok. Sie waren die wichtigsten Personen im Demokratischen Kampuchea.

Quelle: ECCC

Wo war die Macht tatsächlich zentriert?

Auch wenn sie in der Verfassung mit keinem Wort erwähnt wird, war die einzige relevante Organisation im Demokratischen Kampuchea die Kommunistische Partei (KPK). Zwar kam die Versammlung der Volksvertreter einmal zusammen, im April 1976, es war aber auch die einzige Sitzung des Gremiums. In dieser Sitzung stimmte die Versammlung dem Rücktritt Sihanouks zu und stellte ihn und seine Familie unter Hausarrest im königlichen Palast. Allerdings war auch diese Entscheidung nur formal, denn der Ständige Ausschuss der KPK hatte genau das bereits einen Monat früher entschieden und damit die fast 2000-jährige Monarchie in Kambodscha beendet.

Damit ist DAS relevante Entscheidungsorgan erwähnt: Der Ständige Ausschuss der KPK. Dieses unterstand Pol Pot als Vorsitzendem und Nuon Chea als seinem Stellvertreter. Die Entscheidungen, die dort getroffen wurden, waren für die niedrigeren Parteikader bindend, unabhängig davon, ob sie mit der Verfassung oder mit früher getroffenen Entscheidungen vereinbar waren. Viele Mitglieder des Ständigen Ausschusses hatten auch ministeriale Aufgaben inne.

Neben dem Ständigen Ausschuss gab es das Zentralkomitee (ZK) als wichtiges Gremium der Parteiführung. Es war deutlich größer als der Ständige Ausschuss und tagte weniger regelmäßig. Mitglieder des ZK waren neben der Parteiführung auch Zonen- und Regionenleiter, wovon viele im Laufe der Zeit durch die internen Säuberungen ermordet wurden. Lediglich zwei der anfänglichen sechs Zonenleiter überlebten das Regime.


Quelle: ECCC


Die KPK versuchte, ihre Organisationsstruktur und überhaupt ihre Existenz zu verschleiern, was auch lange Zeit gelang. Erst im Jahr 1977, kurz vor einem offiziellen Staatsbesuch in China, erklärte Pol Pot öffentlich die Existenz der KPK und seine eigene Rolle als Premierminister des Demokratischen Kampuchea. In der kambodschanischen Bevölkerung war die regierende Macht (aka die KPK) nur als „Angkar“ oder „Angkar Padevat“, Khmer für „Organisation“ oder „revolutionäre Organisation“ bekannt, niemand kannte ihre Struktur oder Anführer, auch nicht die Parteikader niedrigerer Ränge selbst.

Fazit

Das Demokratische Kampuchea hat sich eine Verfassung gegeben, die seine Herrschaft legitimieren sollte. Offiziell existierten die meisten der in der Verfassung genannten Gremien auch, reale Macht hatte aber keines davon. Diese war beim Ständigen Ausschuss der Kommunistischen Partei zentriert, angeführt von Pol Pot. Dementsprechend kann von Prinzipien wie Demokratie und persönlichen Freiheiten – die in der Verfassung eine große Rolle spielen – in der Realität keinesfalls gesprochen werden.

Quellen:

Botschaft des Demokratischen Kampuchea in Berlin, D. (Hrsg.). (1977). Verfassung des Demokratischen Kampuchea. Democratic Kampuchea. a Worker's and Peasant's State in South-East Asia, 5-10. Berlin. Abgerufen am 25. April 2026 von https://d.dccam.org/Archives/Documents/pdf/Bulletin_of_the_Embassy_of_Democratic_Kampuchea_in_Berlin_GDR_March_1977.pdf

Bultmann, D. (2017). Kambodscha unter den Roten Khmer. Die Erschaffung des perfekten Sozialisten. Paderborn: Ferdinand Schöningh .

Pheng, P.-R., Chandler, D., Dearing, C., & Sopheak, P. (2020). A history of Democratic Kampuchea (1975-1979). (2). (D. C. Cambodia, Hrsg.) Phnom Penh.

ECCC, Khmer Rouge Hierarchy, Government of DK. https://kr-hierarchy.eccc.gov.kh/en/dkg (23.05.2026)

ECCC. Khmer Rouge Hierarchy, Communist Party. https://kr-hierarchy.eccc.gov.kh/en/cpk (25. April 2026)

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