Die Ideologie der Khmer Rouge
- 2. Juni
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Die Ideologie der Roten Khmer basiert auf den kommunistischen Ideen von Karl Marx. Viele Mitglieder der Khmer Rouge Führungsriege kamen im Rahmen ihres Studiums in Paris mit diesen Idealen in Berührung und entwickelten sie später weiter. Vor allem Pol Pot sah auch Mao Zedong und den „Großen Sprung nach vorn“ in China als Vorbild für eine Revolution in Kambodscha. Diese Revolution verfolgte das Ziel, eine Agrargesellschaft zu errichten, die komplett autark und unabhängig von jeglichen Importen sein sollte. Außerdem sollten alle Menschen gleich sein und es keine gesellschaftlichen Klassen mehr geben.
Aber zurück zum Ausgangspunkt: Der Studienzeit von Pol Pot und seiner Clique in Paris.
Kambodschanische Student:innen in Paris
Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen ca. 250 kambodschanische Student:innen nach Paris, um dort zu studieren. Sie waren Stipendiat:innen der königlichen kambodschanischen Regierung und viele von ihnen später Mitglieder der Roten Khmer. Vor allem viele Mitglieder der Führungsriege der Kommunistischen Partei Kambodschas (KPK) trafen sich in Paris und lernten sich dort besser kennen. Sie hatten sehr ähnliche Lebensläufe: sie besuchten das renommierte Lycée Sisowath in Phnom Penh, anschließend ermöglichten gute Kontakte zum Königshof, die teilweise seit Generationen bestanden, ihnen die Weiterführung ihrer Studien in Paris. In Paris trafen sich, um nur einige Namen zu nennen, Saloth Sar, Ieng Thirith, Ieng Sary und Khieu Samphan in den 1950er Jahren. Der französische Historiker Henri Locard betont allerdings, dass sie alle nicht erst in Paris politisiert wurden, sondern schon vorher dem Kommunismus zugeneigt waren.
Als sich der sogenannte Pariser Zirkel als informelle Diskussionsrunde Anfang der 1950er Jahre gründete, war ein zentrales Thema der Diskussionen noch die kambodschanische Unabhängigkeit. Auf dem Weltkongress der revolutionären Jugend in Berlin 1951 schlossen sich einige der Mitglieder dieses Zirkels der Kommunistischen Partei Frankreichs an. Dort lernten sie verschiedene Techniken wie Kritik, Selbstkritik und das Prinzip interner Säuberungen kennen, die in ihrer eigenen Partei später eine zentrale Rolle spielten.
Ab 1951/1952 bekam der Pariser Zirkel mehr Struktur, er glich einer Untergrundpartei, die er bis 1970 bleiben sollte. Saloth Sar spielte zu diesem Zeitpunkt keine große Rolle, Ieng Sary dafür umso mehr, da er als Vorsitzender dieser Organisation fungierte. Die Geschicke des Zirkels wurden maßgeblich von Khieu Samphan geleitet, dem Vorsitzenden des Politbüros. Dieses traf sich wöchentlich, der Zirkel selbst blieb in kleinere Zellen von drei bis fünf Mitgliedern unterteilt, die untereinander nicht kommunizierten. Es gab also lediglich vertikale Kommunikation, von der Zentrale der Organisation in die Zellen und andersherum, die Kommunikation auf horizontaler Ebene zwischen Parteizellen war nicht vorhanden. Im Demokratischen Kampuchea verwendeten die Khmer Rouge ebendiese Kommunikationsstruktur, um den Informationsaustausch zu kontrollieren und somit die Parteizentrale zur einzigen Informationsquelle der niedrigeren Parteikader und letztlich der Bevölkerung zu machen.
Auch wenn die „Pariser Anti-intellektuellen Intellektuellen“ (Bultmann) nicht erst in Frankreich politisiert wurden, so radikalisierten sie sich doch dort. Das Buch „L’Histoire de la révolution française“ von Albert Soboul, einem französischen Historiker und Kommunisten, hatte großen Einfluss auf das Selbstbild der kambodschanischen Studenten. Sie sahen den französischen Revolutionsführer Maximilien de Robespierre als ihren größten Helden an und gelangten durch ihn zu der Ansicht, dass ihre eigenen Überzeugungen so nobel seien, dass sie die Ermordung von Menschen rechtfertigten. Später verstärkte sich diese Überzeugung durch den Kontakt mit Vietminh und Maoisten.
Keng Vannsak - Mentor des Pariser Zirkels
Ein wichtiger Denker im Pariser Zirkel und Mentor für einige der jungen Kambodschaner in Paris war Keng Vannsak. Er war ein kambodschanischer Gelehrter, Linguist, Philosoph und Historiker, der bis 1952 in Paris lebte. In der radikalen "Demokratischen Partei" engagierte er sich nach seiner Rückkehr für die Abschaffung der Monarchie, floh aber 1970 ins Exil nach Frankreich und lebte dort bis zu seinem Tod 2008. Eine seiner Kernüberzeugungen, die Pol Pot wahrscheinlich von ihm übernommen hat, besteht in der Unterscheidung zwischen dem „ursprünglichen und ethnisch reinen“ Volk der Khmer und Kambodschanern, „den durch die externen Einflüsse zu Sklaven gemachten Khmer“ (Bultmann). Vannsak war davon überzeugt Theravada-Buddhismus und Hinduismus hätten die Kultur der Khmer verdorben und nun müsse sie wieder gereinigt werden.
Vannsak hatte eine enge Verbindung zu Saloth Sar, er sagte später einmal, sie seien wie Brüder gewesen. Auch wenn sich seine Ansichten dem politisch linken Spektrum zuordnen lassen, sah sich Vannsak selbst weder als linker, noch als rechter Denker, sondern als Befürworter der Autonomie der Khmer. Sein Fokus liege auf der „Rückgewinnung eines verlorengegangenen Volkes und seiner als ursprünglich(er) verklärten Kultur“. Der tatsächliche Einfluss Vannsaks auf die Ideologie der späteren Führungsriege der Khmer Rouge ist umstritten, denn viele hatten bereits ihre eigenen Ideale, als sie nach Frankreich gingen. Eine Sache, die allerdings unumstritten sehr prägend war und sich in der Khmer-Rouge-Ideologie wiederfindet, ist sein Geschichtsbild. Für Vannsak waren die Khmer der angkorianischen Zeit die "wahren, reinen" Khmer; er strebte nach ethnokultureller Reinheit sowie der Wiedererweckung der Khmer und ihrer Autarkie. Genau wie Pol Pot, war Vannsak davon überzeugt, dass eine Rückkehr zum ursprünglichen Khmer möglich ist.
Pol Pot glaubte, früher habe es einen „primitiven Kommunismus“ gegeben. Gesellschaftliche Entwicklungen hätten im Laufe der Zeit neue gesellschaftliche Klassen generiert und nun müsse die Gesellschaft in einen modernen Kommunismus überführt werden. Eine Neuerung Pol Pots im Vergleich zu Karl Marx liegt in der revolutionären Masse. Während Karl Marx die Arbeiterschaft als treibende Kraft der Revolution sah, war es für Pol Pot die Bauernschaft. Das hängt schlichtweg damit zusammen, dass es in Kambodscha nahezu keine Arbeiterklasse gab, erst recht nicht in einer Größe, wie es nach der Industrialisierung in den meisten europäischen Ländern der Fall war. Ein weiterer wichtiger Einfluss für Pol Pot waren die Ideen Mao Zedongs, vor allem die Kulturrevolution und der „Große Sprung nach vorn“, die Pol Pot persönlich in China miterlebt hat.
Die Dissertation Khieu Samphans
Khieu Samphan schrieb bereits im Jahr 1959 eine Doktorarbeit in Wirtschaftswissenschaften. Einige der dort angesprochenen Aspekte spielen auch in der Ideologie der Khmer Rouge später eine essenzielle Rolle. Der Titel seiner im Original auf Französisch verfassten Dissertation lautet: „Die Wirtschaft Kambodschas und die Probleme seiner Industrialisierung“.
In seiner Analyse geht Khieu Samphan von der kambodschanischen Gesellschaft aus, die in den 1950er Jahren zu 95% bäuerlich war. Die meisten Bauern betrieben Subsistenzwirtschaft, bauten also hauptsächlich Nahrungsmittel für den eigenen Bedarf an, sowie um Steuern und Schulden bezahlen zu können. Laut Samphan machten dadurch einige wenige Großgrundbesitzer den Gewinn und die eigene Bevölkerung profitiere kaum. Während der französischen Kolonialherrschaft seien schließlich die Landbesitzer mit Luxusgütern in Kontakt gekommen und hätten eine Gier danach entwickelt, die letztlich zur Verschärfung der Ausbeutung geführt habe. Gemäß der marxistischen Klassendialektik sah Khieu Samphan daher in den Bauern die Hauptmasse einer proletarischen Revolution.
Bezüglich der Armut in Kambodscha sah Samphan die Ursachen im „kapitalistischen Weltsystem“, nicht im Verschulden Kambodschas selbst. Ebenso sei das Verbleiben in Armut ausschließlich das Resultat der internationalen Verstrickungen. Zunächst sei der Konkurrenzdruck für handwerklich hergestellte kambodschanische Produkte sehr hoch, da sie preislich nicht mit industriell gefertigten Produkten anderer Länder mithalten konnten. Ein weiterer Grund liege in der Wertschöpfung, denn die Fabriken in Kambodscha seien von ausländischen Investoren errichtet worden. Somit gehe der Gewinn ins Ausland und verbleibe nicht in Kambodscha. Kambodschas Industrie sei so zu einer „von der nationalen Produktion und Konsumption enthobenen Insel [geworden], die dem Weltsystem und der Extraktion von Ressourcen, nicht aber den Kambodschanern diene.“ (Bultmann). Eine weitere Ursache für die anhaltende Armut in Kambodscha liege in den Interessen des Auslandes, z.B. in der Verteilung von Entwicklungsgeldern. Letztere würden vor allem zum Ausbau der Infrastruktur genutzt. Das wiederum diene hauptsächlich der Anbindung an den internationalen Markt und wirke keineswegs der Armut entgegen.
In seiner Schlussfolgerung sieht Khieu Samphan seine These, die Einbindung in den Weltmarkt sei die Ursache für Armut in Kambodscha, bestätigt. Dementsprechend sei die Bekämpfung von Armut durch den Abbruch internationaler Beziehungen zu erreichen. Weitere Maßnahmen, die er vorschlug, beinhalteten die Umerziehung von Großgrundbesitzern, eine zentrale staatliche Kontrolle des Außenhandels und der Banken sowie die Verstaatlichung der wichtigsten Agrarzweige. Das Ziel dieser Maßnahmen bestehe stets darin, Kambodscha unabhängiger und – laut Khieu Samphan damit einhergehend – wohlhabender zu machen.
Mit seiner Arbeit und den vorgeschlagenen Maßnahmen zur Umstrukturierung der kambodschanischen Wirtschaft bewegte sich Khieu Samphan 1959 im Mittelfeld der damaligen marxistischen Analysen, er wies keine besondere Radikalität auf – anders als die tatsächlich von den Khmer Rouge ergriffenen Maßnahmen keine 20 Jahre später.
Gesellschaftsutopie
In der Ideologie der Roten Khmer sollte die Gesellschaft aus mittellosen Bauern bestehen. Sie sollten die Basis der Revolution bilden und galten als der perfekte Mensch.
Eine grundlegende Teilung der Bevölkerung, die die Khmer Rouge einführten, ist die Unterscheidung zwischen „Basisvolk“ (auch "altes Volk") und „neuem Volk“. Das sogenannte Basisvolk bestand hauptsächlich aus Bauern, es sind die Menschen, die vor der Machtübernahme der Roten Khmer auf dem Land gelebt hatten. Ihnen wurde eine hohe revolutionäre Wertigkeit zugeschrieben und sie galten grundsätzlich als vertrauenswürdiger als das „neue Volk“. Als „neues Volk“ wurden die Menschen bezeichnet, die im April 1975 aus den Städten vertrieben wurden. Sie seien den kapitalistischen Ideen und Einflüssen stärker ausgesetzt gewesen als das Basisvolk, dementsprechend galten sie als weniger vertrauenswürdig. Diese auf den ersten Blick sehr eindeutige Kategorisierung war es auf den zweiten Blick doch nicht, denn viele Menschen waren durch den Bürgerkrieg ab 1970 in die Städte geflohen und gehörten somit zum "neuen Volk", obwohl sie eigentlich Teil der Landbevölkerung waren und auch viele Stadtbewohner:innen konnten noch leicht vorgeben, zum Basisvolk zu gehören. Die Unterscheidung in "neues" und "altes" Volk war nicht die einzige, aber die wichtigste, Unterteilung der kambodschanischen Gesellschaft unter den Khmer Rouge.
In der Vorstellung der Roten Khmer waren Menschen aller (vorrevolutionären) gesellschaftlichen Klassen zu einem gewissen Grad vom Kapitalismus verdorben. Laut Nuon Chea, dem Chefideologen der Khmer Rouge, sollte es dennoch allen möglich sein, Teil der Revolution zu werden, sofern die Person einen „progressiv-revolutionären Standpunkt“ vertrat, was schlichtweg mit Loyalität zum Regime und seiner Ordnung gleichzusetzen ist. Allerdings war es abhängig von der vorrevolutionären Klassenzugehörigkeit (die von den Roten Khmer festgelegt wurde) einfacher oder schwieriger, die politische Einstellung zu "beweisen". In der Realität war es somit für Angehörige des „neuen Volkes“ nahezu unmöglich, Teil der Khmer Rouge zu werden. Dennoch gibt es einige Ausnahmen, denn es finden sich Großgrundbesitzer und Feudalherren wie auch hoch gebildete Menschen in der Führungsriege der Khmer Rouge.
Bei der Planung der Revolution ging die KPK davon aus, ca. 95% der Bevölkerung auf ihrer Seite zu haben. Davon waren 85% Bauern und 5% Lohnarbeiter, die als Hauptkraft der Revolution angesehen wurden und deren Unterstützung für die Revolution aus Perspektive der Khmer Rouge somit als sicher galt. Daneben ging die KPK-Führung davon aus, dass sich auch einige Kapitalisten der Revolution anschließen würden, weshalb laut ihrer Schätzung 95% der Bevölkerung ihre Revolution unterstützten. Von den 5% der „konterrevolutionären“ Bevölkerung seien nur 2% tatsächliche "Feinde der Revolution", also Menschen, die der Revolution aktiv schaden wollten. Dazu zählten vor allem Feudalherren, Staatsbedienstete, gebildete Menschen und hochrangige Militärs. Aufgrund ihrer geringen Zahl gingen die Roten Khmer aber davon aus, dass die „Feinde der Revolution“ kein Problem darstellten.
Feindbilder
Der erste äußere Feind, dem die kommunistische Bewegung in Kambodscha in den späten 1940er und frühen 1950er Jahren den Kampf angesagt hatte, war die französische Kolonialherrschaft. Als dieser durch die kambodschanische Unabhängigkeit im Jahr 1953 ausgeräumt worden war, dauerte es ein bisschen, bis sie ein neues Feindbild hatten, das die Khmer Rouge nutzen konnten, um viele Menschen in ihre Organisation und Armee zu rekrutieren.
Als die USA 1963 im Rahmen des Vietnamkrieges begannen, Kambodscha zu bombardieren, wurden viele Menschen den USA gegenüber misstrauisch. Das wussten die Roten Khmer gut für sich zu nutzen, erklärten den "US-Imperialismus" in ihrer Propaganda zu ihrem Feind und versprachen, dass sich die Lebenssituation unter ihrer Herrschaft verbessern würde. Daraufhin schlossen sich auch sehr viele Menschen der revolutionären Bewegung an.
Allerdings entstand dadurch eine Bewegung, die sich zwar für ein gemeinsames Ziel – den Kampf gegen den „US-Imperialismus“ – vereinen ließ, aber nicht mehrheitlich von der Revolution überzeugt war. In Anlehnung an Lenin sah die Kommunistische Partei es deshalb als ihre Aufgabe, das „verblendete Volk“ auf den richtigen Weg bringen zu müssen, es entstand eine Art „pädagogische“ Beziehung.
Als die US-Bombardements im August 1973 aufhörten, waren die Roten Khmer bereits eine Massenbewegung und sie kontrollierten sehr viele kambodschanische Gebiete.
Ein Aspekt der Khmer-Rouge-Ideologie, der hauptsächlich von Pol Pot ausging, aber erst ab 1977 intensiv nach außen getragen wurde, ist ein Hass gegenüber allem Vietnamesischen. Dieser resultierte unter anderem daraus, dass Pol Pot keine gute Beziehung zu Ho Chi Minh (dem Präsidenten Nordvietnams) gehabt hatte und eng mit Mao Zedong in China zusammenarbeitete. Warum sich die Khmer Rouge zwischen Vietnam und China entscheiden mussten, zeigt ein Blick in die geopolitische Lage dieser Zeit: Vietnam war ein Satellitenstaat der Sowjetunion, China kooperierte lange Zeit ebenfalls stark mit ihr. Als Nikita Chruschtschow nach dem Tod Stalins allerdings eine Entstalinisierungspolitik verfolgte, u.a. den Personenkult um seine Person kritisierte, begann die Beziehung zwischen der Sowjetunion und China, das von Mao Zedong diktatorisch regiert wurde, Risse zu bekommen.
Ab den 1960er Jahren waren die guten sino-sowjetischen Beziehungen endgültig zerbrochen. Beide Staaten übten öffentlich heftige Kritik an der Politik des anderen oder seinen Bruderstaaten – hier vorzugsweise Bulgarien (das dem sowjetischen Lager angehörte) und Albanien (das seit 1961 pro-chinesisch regiert wurde). Daneben wuchsen ideologische Konflikte, die einen Wettstreit um die Vormachtstellung im Weltkommunismus entfachten. Vor diesem Hintergrund war es für das Demokratische Kampuchea – das sich selbst den neutralen, blockfreien Staaten zugehörig sah – unmöglich, gute Beziehungen zu Vietnam und zu China zu haben.
Im September 1977 entflammte ein Grenzkonflikt zwischen Kambodscha und Vietnam. Ab diesem Zeitpunkt verbreiteten die Roten Khmer aktiv und intensiv anti-vietnamesische Propaganda im ganzen Land. Auch die Verfolgung der vietnamesischen Minderheit in Kambodscha verschärfte sich extrem.
Laut der Khmer-Rouge-Propaganda habe die „vietnamesische Aggressionsarmee“ den Konflikt im September 1977 mit einer Bodenoffensive und Luftangriffen eröffnet, weil sie einerseits das Ziel verfolge, einen indochinesischen Staat unter vietnamesischer Vorherrschaft zu errichten und dementsprechend das kambodschanische Territorium einnehmen wolle und andererseits Kambodscha plündern wolle, weil es in Vietnam an Nahrungsmitteln mangele. Die Roten Khmer behaupteten, Kambodscha sei stets offen dafür, den Konflikt in Freundschaft zu lösen, wolle aber seine Souveränität und Integrität nicht aufgeben.
Neben diesen äußeren Feinden spielten im Demokratischen Kampuchea die inneren Feinde eine enorm große Rolle. Schon seit Beginn ihrer Herrschaft räumte die Kommunistische Partei alle Kader aus dem Weg, die Ansätze eines Fehlverhaltens gezeigt hatten - bis in die höchste Parteietage. Ab 1977 nahmen diese internen Säuberungen ein enormes Ausmaß an, da Pol Pot hinter jeder Ecke Verräter vermutete und diese aus Angst vor einem Putsch gegen ihn brutal verfolgen ließ.
Diese rigorose Verfolgung hatte zum Ziel, die Bevölkerung gefügiger zu machen und innerhalb der Bevölkerung ein großes Misstrauen gegenüber den Mitmenschen zu wecken, damit die Menschen sich (aus Angst vor Konsequenzen) nicht mehr gegenseitig vertrauen und nur noch auf die Reden der Khmer Rouge hörten.
Maßnahmen der Khmer Rouge
Nach der Machtübernahme durch die Khmer Rouge im April 1975 rief Pol Pot ein „Jahr Null“ aus. Das Ziel davon bestand darin, symbolisch einen Neuanfang zu markieren, der als Ausgangspunkt für eine grundlegende Umstrukturierung der kambodschanischen Wirtschaft und Gesellschaft dienen sollte.
In der Idealvorstellung der Roten Khmer waren alle Mitglieder der neuen Gesellschaft in der Landwirtschaft tätig. Sie hatten keinerlei politische und zivile Rechte und waren nur ‚Angkar‘, also der Kommunistischen Partei, gegenüber loyal. Um das zu erreichen, wurde nicht nur Religion faktisch verboten (auch wenn in der Verfassung Religionsfreiheit garantiert wurde), auch familiäre Bindungen wurden marginalisiert. So war es bspw. verboten, Familienmitgliedern gegenüber Zuneigung zu zeigen oder um Verwandte zu trauern, wenn sie starben bzw. ermordet wurden. Ein Verstoß dagegen konnte selbst als „Verrat an der Revolution“ betrachtet und entsprechend bestraft werden.
Kinder waren für die Khmer Rouge sehr wichtig, da sie einfacher zu beeinflussen sind als Erwachsene. Im Alter von acht Jahren wurden Kinder von ihren Eltern getrennt und in Arbeitscamps im Sinne ‚Angkars‘ erzogen. Sie lernten, dass ‚Angkar‘ Mutter und Vater von allen sei, womit die Beziehung zu ihren tatsächlichen Eltern geschwächt werden sollte. Sie lernten auch, dass jeglicher Widerstand gegen das Regime nur von „Feinden der Revolution“ komme und unverzüglich an ‚Angkar‘ gemeldet werden müsse - auch, wenn die angeklagte Person die eigenen Eltern wären.
Die Roten Khmer schlossen Schulen und Universitäten, denn ‚Angkar‘ sagte: „Unsere Schule ist die Farm. Das Land ist unser Papier. Der Pflug unser Stift. Wir werden alle schreiben, indem wir pflügen. Wir müssen keine Prüfungen ablegen oder Zertifikate verteilen. Zu wissen, wie man anbaut und wie man Bewässerungskanäle gräbt – das sind unsere Zertifikate.“
Neben Bildungseinrichtungen wurden auch Fabriken und Krankenhäuser geschlossen. Jurist:innen, Ärzt:innen, Lehrkräfte, Ingenieur:innen und alle anderen Fachkräfte wurden als Bedrohung für das neue Regime betrachtet, da sie durch ihre Bildung vom Kapitalismus eingenommen worden seien. Für sie konnten schon Anzeichen von Fehlverhalten oder die Anschuldigung, gegen die Regeln "Angkars" verstoßen zu haben, fatale Konsequenzen bis hin zur Exekution zur Folge haben.
In der Idee der Roten Khmer formte ausschließlich die Produktionsweise das Denken und Handeln der Menschen. Folglich würde die Wirtschaftsordnung gleichbedeutend mit der Herrschaft. Dementsprechend folge aus einer egalitären, verstaatlichten Wirtschaft notwendigerweise ein Ende der Klassengesellschaft und eine Herrschaft des Kollektivs. Die Khmer Rouge sahen auf Basis dieser Idee die uneingeschränkte Auflösung von Privatbesitz als notwendige Maßnahme, um die Gesellschaft in ihrem Sinne zu verändern. Neben der Verstaatlichung jeglichen Privatbesitzes versuchten die Khmer Rouge, in das Innerste der Menschen – ihre Gedanken und Gefühle – einzudringen, und diese in einer kollektivistischen Gedankenreform an die kommunistischen Ideen anzupassen. Ganz nach dem Motto: „Um eine neue Gesellschaft errichten zu können, müssen neue Menschen erschaffen werden.“
Allgemein lässt sich feststellen, dass die kommunistische Partei versuchte, alle Lebensbereiche der Menschen zu kontrollieren: angefangen bei Wohnort und Arbeit (Zwangsarbeit in den Kooperativen), über die Ernährung, die meist im Kollektiv stattfand, Abschaffung von Musik und Radio – außer natürlich dem parteieigenen Sender – und die Abschaffung von Geld bis hin zu der Entscheidung, welche Kleidung die Menschen tragen (müssen) und wen sie heiraten. Alles unterlag staatlicher Kontrolle. In der Bevölkerung sagte man: „Angkar hat so viele Augen wie eine Ananas“ – ein Sinnbild dafür, dass es unmöglich war, irgendetwas ungesehen zu tun.
Zusammenfassung
Die Ideologie der Roten Khmer beinhaltet viele Aspekte und Ideale von Karl Marx. Darüber hinaus wurden die Khmer Rouge stark von Mao Zedong und seiner Politik in China sowie den Methoden der französischen Revolution beeinflusst. Insbesondere Maximilien de Robespierre wurde von vielen hochrangigen Roten Khmer als Held angesehen.
Basierend auf den starken Einflüssen von Karl Marx und Mao Zedong veränderten die Khmer Rouge die Ideen ihrer Vordenker und entwickelten so ihre eigene Ausprägung des Kommunismus. Vor allem der kambodschanische Nationalismus spielte hier eine große Rolle. Mit dem Nationalgefühl ging spätestens ab 1977 auch eine stark ausgeprägte anti-vietnamesische Haltung einher. Aber nicht nur Vietnam als "äußerer Feind" wurde stark bekämpft, auch innerhalb der eigenen Gesellschaft und der eigenen Partei führten die Roten Khmer rigorose "Säuberungen" durch. Eines ihrer Mottos, dass diese legitimieren sollte, war: „Feind ist, wer sich widersetzt.“ Dennoch gab es Ausnahmen, da bspw. Großgrundbesitzer und hoch gebildete Menschen in der Führung der Kommunistischen Partei saßen, obwohl diese eigentlich als anti-revolutionär galten.
Quellen:
Holocaust Memorial Great Britain; https://hmd.org.uk/learn-about-the-holocaust-and-genocides/cambodia/khmer-rouge-ideology/
Sarem, N. (2008). Neou Sarem's Oral History. (P. Reasey, Interviewer) VOA Khmer Service. Phnom Penh. Retrieved from https://archive.eccc.gov.kh/documents/1049655?title=E3/6934&matterId=49
Bultmann, Daniel: Kambodscha unter den Roten Khmer. die Erschaffung des perfekten Sozialisten, Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2017.
Déclaration du Gouvernement du Kampuchéa démocratique andressée à l’armée révolutionnaire du Kampuchéa et au peuple du Kampuchéa, ECCC Nr. D322/8.1.28; 31.12.1977; Regierungserklärung des Demokratischen Kampuchea.
Locard, H. (7. November 2012). Les années françaises des dirigeants khmers rouges: De Robespierre à l'ultramaoisme. Abgerufen am 25. April 2026 von https://doi.org/10.58079/q4s.
Titelbild: selbst erstellte Wörterwolke



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