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Die Khmer Rouge sind gestürzt - oder doch nicht?

15. Sept.
13 Min. Lesezeit

Im letzten Artikel ging es darum, wie das Regime der Roten Khmer gestürzt wurde. Damit endete die Geschichte der Roten Khmer aber noch nicht – zwei weitere Jahrzehnte beherrschten sie Teile kambodschanischen Territoriums sorgten für einen Bürgerkrieg.

Im Januar 1979 floh die Führungsriege der Roten Khmer vor der einrückenden vietnamesischen Armee an die thailändische Grenze. Zahlreiche Parteikader folgten, größtenteils aus Angst, dass ihnen andernorts Racheakte durch die Bevölkerung drohten. Die Führungsriege schürte diese Angst gezielt, um noch mehr Kader in den eigenen Reihen zu behalten. Die meisten Kader der Roten Khmer waren schon als Kinder oder Jugendliche rekrutiert worden, sodass sie kein Leben außerhalb „Angkars“ kannten. Das trug dazu bei, dass die Roten Khmer ihre Kommandostrukturen erhalten konnten.

Nach dem Sturz der Roten Khmer war die Versorgungssituation in Kambodscha verheerend. Die meisten Menschen waren entweder auf der Suche nach Verwandten oder auf der Flucht ins Ausland. Somit beschäftigte sich niemand mit (Land-)Wirtschaft und die Hungersnot verschärfte sich. Da Gerüchte kursierten, entlang der Grenze sei die Versorgung durch internationale Hilfslieferungen besser, schlossen sich viele Menschen der den Rebellengruppen an.

Die neue Regierung in PP

Die Regierung der Volksrepublik Kampuchea (VRK), die 1979 in Phnom Penh mit Hilfe Vietnams gegründet wurde, war vollständig aus ehemaligen Kadern der Roten Khmer rekrutiert, die 1977 und 1978 nach Vietnam geflohen waren und sich dem Widerstand angeschlossen hatten. Von der internationalen Gemeinschaft wurde die VRK nicht anerkannt, die einzigen Verbündeten waren Vietnam, die Sowjetunion sowie einige kleinere sozialistische Staaten.

Um sich gegen Angriffe von den Guerilla-Gruppen entlang der Grenze zu schützen, errichteten die Regierungstruppen einen „Schutzwall“. Er bestand aus zahlreichen Minenfeldern, die die Kämpfer daran hindern sollten, kambodschanisches Territorium zu erobern. Bis heute stellen die Minen ein großes Problem für die Bevölkerung dar, da viele nicht-detonierte Minen im Boden verblieben sind.  

Kämpfer an der kambodschanisch-thailändischen Grenze

Die Rebellengruppen entlang der Grenze operierten unorganisiert und autonom. Viele kämpften seit Jahren lediglich um ihr Überleben. Eine davon war die Nationale Befreiungsfront des Khmer-Volkes (NBKV, engl. Khmer People’s National Liberation Front). Unter Son Sann, einem ehemaligen Offizier von Lon Nol, kämpfte die Guerilla-Gruppe zunächst gegen die Roten Khmer. Ihr Ziel bestand nicht im Sieg über die vietnamesische Besatzung, weil sie dafür zu klein war, aber durch ihren Anschluss an die Roten Khmer konnten sie einen Beitrag zu dem Kampf leisten. Offiziell wurde die NBKV von den USA unterstützt, allerdings waren letztere ziemlich schnell sehr enttäuscht von der mangelnden militärischen Leistung der Truppen. Letztlich bestand die Führungsriege aus alten Eliten, die vor den Roten Khmer geflohen und zurückgekehrt waren und nicht mit dem Konzept und den Strategien des Guerilla-Kampfes vertraut waren. Ab 1984 war die NBKV praktisch lahmgelegt, da sie über interne Konflikte über die Ausrichtung an Macht verlor.

Eine eher marginale Gruppe, die gegen die NBKV kämpfte, war die „Mouvement de Libération National du Kampuchea“ (MOULINAKA). Sie schloss sich daher der „Front Uni National pour un Cambodge Indépendant, Neutre, Pacifique et Coopératif“ (FUNCINPEC) an.

FUNCINPEC war zwar aus militärischer Perspektive unbedeutend, hatte aber mit Abstand den größten öffentlichkeitswirksamen Einfluss, da Norodom Sihanouk dieser Organisation vorstand. Eigentlich wollte sich Sihanouk als diplomatischer Vereiniger des Landes inszenieren, allerdings realisierte er im Rahmen der Blockbildung des Kalten Krieges, dass militärische Kampfgruppen notwendig sind. Daher nutzte er ehemalige Strukturen aus der Zeit des Lon-Nol-Regimes und überführte sie in Rebellengruppen.


Daneben lebten auch die Roten Khmer nach ihrem offiziellen Sturz entlang der kambodschanisch-thailändischen Grenze weiter. Mit ca. 30 bis 40 Tsd. Kämpfern stellten sie die militärisch stärkste Gruppe der Region. Somit konnten sie auch politische Ziele verfolgen. In den von ihnen kontrollierten Flüchtlingslagern und Gebieten, den sogenannten „befreiten Zonen“, richteten sie ab 1980 Kontrollstrukturen wie im Demokratischen Kampuchea ein. Die Roten Khmer versuchten, ihr internationales Ansehen zu verbessern. Eigenen Angaben zufolge strebten sie nach „liberalem Kapitalismus“ und einer parlamentarischen Demokratie. Es sollte freie Wahlen, Privateigentum, Meinungs- und Pressefreiheit sowie politische Parteien und eine auf privatem Konsum basierende Wirtschaft geben. Davon abgesehen bestehe das oberste Ziel der Aktivitäten der Roten Khmer in der Rettung der Khmer vor jeglichen Invasoren. Im Dezember 1981 gaben sich die Roten Khmer mit „Partei des Demokratischen Kampuchea“ (PDK) einen neuen Namen.

Infolge des Lebens in der Isolation wandelte sich das öffentliche Bild der Roten Khmer: Pol Pot war „nur“ noch der Oberbefehlshaber, offizieller Parteivorsitzender war Khieu Samphan. Statt schwarzen Uniformen trugen die Kämpfer grüne Anzüge, die Sprache wurde weniger militaristisch etc. All diese Veränderungen waren allerdings reine „Image-Reformen“, an den tatsächlichen Idealen und Machtstrukturen änderte sich nichts.

Um tatsächlich Gebiete zu erobern, waren die Roten Khmer nicht mehr schlagkräftig genug, daher fokussierten sie ihre Aktivitäten fortan auf gezielte Angriffe gegen die Infrastruktur, um die Wirtschaft zu schädigen und Präsenz zu zeigen.

Die (internationale) Situation entlang der Grenze

Aus der Perspektive Thailands stellte das Grenzgebiet zu Kambodscha eine Pufferzone gegen einen möglichen Angriff von Vietnam dar. Daher erlaubte die thailändische Regierung den Hilfsorganisationen, dort unter dem Schutz der Regierung zu operieren. Unterstützt von den USA und China wurden nun nicht mehr nur Nahrungsmittel, sondern auch Waffen und Geld an die bewaffneten Gruppen entlang der Grenze geliefert. Für die Hilfsorganisationen war das ein Dilemma, da die Lieferungen zwar die Menschen unterstützten, aber eben auch die bewaffneten Gruppen entlang der Grenze.

Von den 21 Flüchtlingslagern entlang der Grenze waren offiziell alle unter der Kontrolle der Vereinten Nationen, tatsächlich wurden sie von Rebellen beherrscht. Mit der Zeit entwickelten sich die Flüchtlingslager zu Städten mit Marktgeschehen und anderen Einrichtungen des täglichen Bedarfs. Einige Male griff die vietnamesische Armee an, die thailändischen Soldaten konnten das aber stets abwehren. Anders bei einer Großoffensive in der Trockenzeit 1984/85: Alle Lager, die sich auf kambodschanischem Territorium befanden, wurden zerstört. Infolgedessen existierten nur noch elf der vorherigen 21 Lager, alle auf thailändischem Boden. Auf Druck Chinas und auch aus praktischen Gründen zog sich die vietnamesische Armee noch vor der Regenzeit wieder aus dem kambodschanisch-thailändischen Grenzgebiet zurück.

Die Exilregierung aus Sihanouk und den Roten Khmer

Am 22. Juni 1982 gründete sich in Kuala Lumpur die „Koalitionsregierung des Demokratischen Kampuchea“ (KRDK). Sie bestand aus Mitgliedern der Roten Khmer, der FUNCINPEC und der NBKV mit Sihanouk als Vorsitzendem. Son Sann wurde Premierminister und Khieu Samphan sein Stellvertreter. Bis zur Gründung des Königreiches Kambodscha 1993 besetzte diese Regierung, die als „einzig legitime Regierung“ den kambodschanischen Sitz bei den Vereinten Nationen. Unterstützt wurde die Koalitionsregierung auch von den internationalen Großmächten. Im Kampf gegen den „sowjetisch-vietnamesischen Expansionismus“ unterstützte China vor allem die FUNCINPEC und die Roten Khmer, während die USA (offiziell ausschließlich) die NBKV mitfinanzierten. Realpolitisch regierten die Roten Khmer in der Koalitionsregierung.

Wie auch bei der letzten Koalition mit Sihanouk versteckten sich die Roten Khmer hinter ihm, da er national wie international sehr hohes Ansehen genoss. Für den Prinzen war es eine reine Zweckkoalition. Er stellte sich als Opferlamm dar, dass sich dem Tiger für den höheren Zweck opfern muss.

 „Ich bin ein Lamm. Son Sann ist ein Lamm. Wir müssen wählen, ob wir uns von Khmer oder von Vietnamesen essen lassen. Als Khmer bevorzugen wir es, von Khmer gegessen zu werden, schließlich sind wir Nationalisten.“ (Prinz Sihanouk)

Es steht außer Frage, dass die Koalition eine reine Zweckgemeinschaft war, ideell gab es kaum Überschneidungen zwischen den verschiedenen Gruppen. Ihre Beteiligung brachte den Roten Khmer internationale Anerkennung und Unterstützung - obwohl immer mehr Informationen über ihre Terrorherrschaft bekannt wurden. Die USA unterstützten auf finanzieller Ebene, südostasiatische Staaten boten Unterschlupf, Japan und die Vereinten Nationen ermöglichten humanitäre Unterstützung und China, Malaysia und Singapur lieferten Waffen.

Der Beginn vom Ende der Roten Khmer

Im Jahr 1985 trat Pol Pot auf Druck Chinas zurück und übernahm offiziell eine „Beraterfunktion“. Son Sen wurde neuer Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Drei Jahre später beschreibt ein Dokument des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR eine Fragmentierung der Roten Khmer in vier Gruppen.

„Es haben sich 4 Gruppen herausgebildet:

1.       eine extreme Gruppe um Pol Pot und Ieng Sary, die relativ isoliert ist;

2.       eine Gruppe um Ta Mok, Kdr. der 18. Pol Pot-Division, die ständig auf kampucheanischem Territorium handelt;

3.       eine Gruppe um Son Sen, den Oberbefehlshaber der Pol Pot-Kräfte;

4.       und schließlich die zahlenmäßig stärkste Gruppe um Khieu Samphan, die sich um außenpolitische Rehabilitierung bemüht und die Interessen Chinas vertritt.“

Ganz so isoliert, wie die Stasi es darstellt, war Pol Pot zwar nicht, aber sonst stimmt die Einschätzung. Letztlich spiegeln sich in der Fragmentierung all die Differenzen wider, die schon 1977 zu den „Parteisäuberungen“ geführt hatten.

Ein Teil der Roten Khmer, die Kader rund um Pol Pot, lebten in Anlong Veng und Preah Vihear. Die etwas liberaleren Kader rund um Khieu Samphan lebten in und um Pailin. In dieser Stadt waren die Lebensbedingungen sowie die Versorgung mit (westlichen) Gütern deutlich besser. Ob die bessere Versorgungslage ausschließlich mit den ideologischen Differenzen zusammenhängt oder ob Pailin als Vorzeigestadt unterhalten wurde, um Gästen der internationalen Gemeinschaft ein verzerrtes Bild des Lebens unter den Roten Khmer zu präsentieren, ist bis heute umstritten. Unbestritten ist allerdings, dass die Einnahmen, die Pailin durch den Handel mit tropischen Hölzern oder Steinen generierte, den andauernden Guerilla-Krieg entscheidend unterstützten. Erst rund zehn Jahre später folgte eine ideologische Konfrontation zwischen beiden Gruppen der Roten Khmer und damit einhergehend erneute „Parteisäuberungen“.

Das Ende des Bürgerkriegs

Im Jahr 1985 wurde Hun Sen Premierminister Kambodschas. Zuvor war er Außenminister und vor 1977 ein stellvertretender Regimentskommandeur der Roten Khmer. Er erlangte eine innenpolitisch sehr starke Position. Im Jahr 1991 wurde die Regierungspartei unter Hun Sen in Kambodschanische Volkspartei (KVP) bzw. auf Englisch Cambodian People’s Party (CPP) umbenannt.

Ende der 1980er Jahre fanden im Kontext der aufweichenden Blocksituation in der Welt erstmals Gespräche zwischen den Bürgerkriegsparteien statt. Das erste Treffen zwischen Hun Sen, Sihanouk, Vertretern der Koalitionsregierung und internationalen Delegierten fand im Juni 1988 in Jakarta statt. Dort distanzierte sich Sihanouk zunehmend von seiner eigenen Partei und inszenierte sich als neutraler Vermittler, da er dadurch auf eine Rückkehr auf den Thron hoffte.

Im Februar und Mai 1989 wurden die Verhandlungen weitergeführt. Vor allem die Rolle der Roten Khmer in der kambodschanischen Gesellschaft stellte einen großen Streitpunkt dar, vor allem, weil sie kaum Verhandlungsbereitschaft zeigten.

Nach intensiven Diskussionen brachte ein Vorschlag vom 23. Oktober 1991 schließlich Einigung: Die Macht sollte in einem Supreme National Council (SNC) zu gleichen Teilen unter allen vier Fraktionen (Regierung der VRK, Khmer Rouge, FUNCINPEC und NBKV) aufgeteilt werden. Gleichzeitig sollte eine UN-Friedensmission demokratische Wahlen organisieren und ihre Durchführung überwachen. Realpolitisch war die Macht des SNC allerdings stark beschränkt, es war mehr ein symbolisches Gremium. Gleiches bei den Mitarbeitenden der UN-Mission. Sie erhielten offiziell umfassende Vollmachten in der Verwaltung und zur Umgestaltung des Landes, tatsächlich blieb die Macht aber bei der Regierung Hun Sens.

Die „United Nations Transitional Authority in Cambodia“ (UNTAC) hatte ihr Mandat in Kambodscha von Mai 1992 bis November 1993. Sie sollte den Waffenstillstand überwachen, allerdings ohne das Mandat, ihn im Zweifelsfall auch militärisch durchsetzen zu können, sollte die Bürgerkriegsparteien entwaffnen und zu 70 Prozent demobilisieren, demokratische Reformen umsetzen und dabei über die Wahrung der Menschenrechte und die Durchführung demokratischer Wahlen wachen. Dafür hatte die UN-Mission offiziell die Leitung über Verwaltung, Polizei, Militär, Finanzen, den Kommunikationssektor sowie die Auslandsbeziehungen Kambodschas. In der Geschichte der Vereinten Nationen ist das ein Novum, da vorher noch keine UN-Mission so tiefgreifende Verantwortlichkeiten in einem Land innehatte.

Trotz dieser offiziell enormen Macht waren die Vereinten Nationen bei der Durchführung ihres Programms auf die bisherige Regierung sowie paramilitärische Truppen und damit auf das Wohlwollen Hun Sens angewiesen. Tatsächliche Macht, etwas durchzusetzen, hatte die Mission also nicht.

Dem Friedensvertrag, der das weitere Vorgehen in Kambodscha sowie die UNTAC-Mission regelte, stimmten auch die Roten Khmer zunächst zu. Allerdings forderten sie mehr Macht für den Supreme National Council, denn sie befürchteten, Hun Sen könne ihre Macht weiter einschränken. Die Verantwortlichen der UNTAC-Mission schoben diese Forderung auf, mit der Begründung, die Regierungsgewalt liege bis zu den Wahlen zunächst bei den Vereinten Nationen.

Im Laufe des Friedensprozesses distanzierte sich Sihanouk vollends von seiner Partei FUNCINPEC, die sein Sohn Ranariddh in der Zwischenzeit übernommen hatte. Im Hinblick auf eine mögliche Rückkehr auf den Thron näherte sich Sihanouk Hun Sen an.

Der Rückzug der Roten Khmer aus dem Friedensprozess

Zunächst hielten sich die Roten Khmer an die Abmachungen des Friedensvertrages und bereiteten ihre Truppen auf eine Demobilisierung vor. Kurz darauf widersetzten sie sich allerdings den Abmachungen. Die genaue Ursache für diese Kursänderurng ist ungeklärt. Eine mögliche Erklärung liegt in einem Angriff auf Khieu Samphan, der Ende 1991 nach Phnom Penh gegangen war, um die Roten Khmer als Partei für die Wahlen vorzubereiten. Dort wurde er – mutmaßlich staatlich organisiert – angegriffen. Mit der offiziellen Begründung, dass die Macht im Land – anders als gefordert – immer noch bei der Regierungspartei liege, zogen sich die Roten Khmer von da an aus dem Friedensprozess zurück. Damit ging auch eine Rückkehr zur Gewalt einher, da eine Wiedergewinnung der Macht durch Wahlen für die Roten Khmer keine reale Option mehr darstellte. Später erklärten sie in einem Brief öffentlich den Rückzug aus dem Friedensprozess und die Nicht-Teilnahme an den anstehenden Wahlen.

Der Rückzug der Roten Khmer beeinträchtigte den Friedensbildungsprozess der Vereinten Nationen tiefgreifend, da sich die anderen beteiligten Gruppierungen nun auch nicht mehr verpflichtet sahen, die beschlossenen Maßnahmen einzuhalten und ihre Truppen zu demobilisieren. Offiziell wurden letztlich einige Truppen wurden demobilisiert, allerdings waren das hauptsächlich verwundete, alte oder frisch rekrutierte Soldaten, sodass die Gruppen weiterhin über schlagkräftige Truppen verfügten.

Das Ende der Roten Khmer

Nachdem sie sich aus dem Friedensprozess zurückgezogen hatten, griffen die Roten Khmer zurück zu den Waffen. Sie weigerten sich, UN-Gesandten Zutritt zu den von ihnen kontrollierten „befreiten Zonen“ zu geben und festigten ihre Herrschaft in Anlong Veng und Pailin. Da immer mehr Informationen über die Terrorherrschaft der Roten Khmer bekannt wurden, stoppte China seine Unterstützung, woraufhin die Wirtschaft in den Gebieten der Khmer Rouge erheblich litt.

Infolgedessen erschlossen sich die Kader andere Einnahmequellen, bspw. den Schmuggel von Edelsteinen, Tropenhölzern oder Artefakten Angkors. Da die thailändische Regierung zunehmend aktiv gegen Grenzschmuggel vorging, wurde es immer schwieriger, den Schmuggel aufrechtzuerhalten.

Nichtsdestotrotz generierten die Roten Khmer dadurch Einnahmen. In den meisten Fällen blieb das Geld allerdings bei einigen wenigen Kadern niedriger oder mittlerer Ränge und kam nicht bei der Bevölkerung an. Dazu kam, dass viele der Kader keinen Sinn mehr im Kampf sahen. Über das Radio erhielten sie immer mehr Informationen über den wirtschaftlichen Aufschwung und die friedensversprechenden Wahlen der UNTAC-Mission. Durch diese allgemeine Unzufriedenheit flohen immer mehr Kader aus den „befreiten Gebieten“, obwohl sie sich damit einigen Gefahren und vor allem Misstrauen durch die Bevölkerung aussetzten. Die Soldaten suchten oftmals Schutz bei den Vereinten Nationen oder direkt bei der Regierung Hun Sens, die eine eigene Sammelstelle für desertierte Khmer-Rouge-Soldaten eingerichtet hatte.

Die Gründung des Königreichs Kambodscha

Die UN-überwachte Wahl am 23. Mai 1993 brachte viele Überraschungen mit sich. Nicht nur, dass sie überwiegend friedlich blieb und die Wahlbeteiligung mit knapp 90% sehr hoch war, auch das Ergebnis kam unerwartet: Hun Sens KVP erreichte 38,2% und die FUNCINPEC verfehlte mit 45,5% die absolute Mehrheit. Daneben kam die Buddhistische liberal-demokratische Partei auf 3,8% und die Liberaldemokratische Partei wurde von 1,6% der Menschen gewählt.

Die Wahl machte die politische Situation in Kambodscha allerdings nicht einfacher. Sihanouk, der sich vorher von seiner Partei FUNCINPEC distanziert hatte, sah das Wahlergebnis als persönlichen Erfolg an und es als seine Aufgabe, eine neue Regierung zu bilden. Gleichzeitig erhob die KVP den Vorwurf des Wahlbetrugs und Hun Sen drohte mit einem Bürgerkrieg, sollte er keine Macht bekommen. Letztlich bildete sich eine Koalition aus Hun Sen und Norodom Ranariddh, dem Sohn Sihanouks und Vorsitzendem der FUNCINPEC. Es sollte eine Doppelspitze mit zwei gleichberechtigten Premierministern geben, die Ministerialposten sowie stellvertretenden Premiers sollten zu gleichen Teilen an die FUNCINPEC und die KVP vergeben werden. Sihanouk kam zurück auf den Thron, erhielt aber hauptsächlich repräsentative Aufgaben. Im September wurde schließlich eine neue Verfassung verabschiedet und damit ein neuer Staat gegründet: das Königreich Kambodscha als parlamentarische Monarchie.

Im folgenden Jahr riefen die Roten Khmer die „Provisorische Regierung der Nationalen Einheit und Nationalen Befreiung von Kambodscha“ aus, als klare Gegeneinrichtung zu der Regierung in Phnom Penh. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt bereits absehbar, dass sich die Kader der Roten Khmer langfristig einem der beiden Premiers anschließen müssten.

Daraufhin entstand ein Wettlauf zwischen Hun Sen und Norodom Ranariddh darum, die ehemaligen Kader der Roten Khmer in ihre eigenen Truppen zu integrieren – allein schon, um den jeweils anderen nicht zu stärken. Für die Kader selbst bestand das Hauptziel meist darin, einen für sie guten Übergang in das Militär oder die Lokalregierung zu finden.

Hun Sen gewann diesen Wettlauf mit seiner Win-Win-Politik. Bis heute wird er in Kambodscha dafür als Friedensstifter angesehen und geehrt. Die sogenannte Win-Win-Politik beschreibt eine Strategie der Wiedereingliederung der Khmer-Rouge-Kader in die Gesellschaft. Sie sollten einen ihrer vorherigen Position gleichwertigen Rang im Militär sowie Straffreiheit erhalten. Ungefähr ein Drittel der Kader verließ die Roten Khmer daher noch während der Zeit der UNTAC-Mission.

Gleichzeitig propagierten Pol Pot und seine Führungsriege einen Kampf „bis an das Ende der Welt“, dem viele Kader aber nicht mehr folgen wollten.

Das Ende der Roten Khmer

Um den Schmuggelhandel der Roten Khmer zu unterbinden, veranlasste die kambodschanische Regierung 1995 auf diplomatischem Weg die Schließung der Grenze zu Thailand. Daraufhin wurde die Lebenssituation in den von den Khmer Rouge kontrollierten Gebieten immer schlechter, auch Nahrungsmittelversorgung und die Wirtschaft allgemein brachen zusammen. Infolgedessen zogen immer mehr – auch hochrangige – Kader eine Desertion in Erwägung. Diese kamen zunächst vorwiegend aus dem liberaleren Flügel der Roten Khmer in Pailin. Einer der ersten Kader aus der Führungsriege, der Verhandlungsbereitschaft zeigte, war Ieng Sary. Er forderte Amnestie für sich und die Kader um ihn herum, die Kontrolle der Provinz Pailin sowie Schutz vor Attacken ehemaliger Genossen. Seine Forderungen wurden nicht komplett erfüllt, am 14. September 1996 lief er dennoch zur Regierung über und wurde von König Sihanouk begnadigt.

Das Überlaufen Ieng Sarys diente für viele Kader als Anlass, sich ebenfalls von den Khmer Rouge abzuwenden. Ihnen wurden wichtige Ämter in Militär und Verwaltung zugesagt und auch in Sachen Grenzschmuggel machte die Regierung in Phnom Penh große Zugeständnisse. Dadurch bröckelte die Machtbasis der Khmer Rouge, übrig blieb nur noch ein kleiner Kreis um Pol Pot in Anlong Veng.

Im Juni 1997 verkündete der General von Premierminister Ranariddh ein Abkommen, das es Pol Pot, Ta Mok und Son Sen ermöglichen würde, ins Exil zu gehen sowie Khieu Samphan mit seinen Anhängern amnestiert zu werden. Pol Pot lehnte das kategorisch ab und versuchte, seine letzten Anhänger um sich zu halten – wie schon früher mit Gewalt. Er ließ Khieu Samphan, einen seiner engsten langjährigen Vertrauten, inhaftieren und Son Sen mit 13 Familienmitgliedern ermorden. Dadurch verlor Pol Pot an Ansehen und floh in den Dschungel.

Ta Mok gründete daraufhin eine Einheit, die Pol Pot aufspüren sollte. Mitte Juni 1997 nahm sie Pol Pot schließlich gefangen und erklärte ihn zum Verräter. Bei einem von Ta Mok initiierten „Volkstribunal“ wurden Pol Pot und sein inzwischen sehr kleines Gefolge verurteilt, einige davon zum Tod. Pol Pot selbst wurde am 25. Juli 1997 zu lebenslanger Haft in Form von Hausarrest verurteilt, wo er am 15. April 1998 an einem Herzinfarkt starb. Die genauen Umstände seines Todes sind bis heute ungeklärt, da sein Leichnam überraschend schnell eingeäschert wurde.

Nach dem Tod Pol Pots verließen zahlreiche gebildete Khmer Rouge die Organisation, die übrigen acht bis neun tausend Kader hofften auf einen Wahlsieg der FUNCINPEC bei den im gleichen Jahr stattfindenden Wahlen. Allerdings gewann die KVP von Hun Sen die (möglicherweise manipulierte) Wahl eindeutig. Dementsprechend entschied Hun Sen über die Zukunft der übrigen Khmer-Rouge-Kader. Im Dezember 1998 wurden also fünf tausend Kämpfer in die staatlichen Streitkräfte integriert, auch schlossen sich Nuon Chea und Khieu Samphan der Regierung an. Im Februar 1999 verkündete der Verteidigungsminister Tea Banh die Integration der letzten 3500 Rote-Khmer-Kämpfer in die Armee. Der letzte, der inhaftiert wurde, war Ta Mok am sechsten März 1999. Damit war das Ende der Roten Khmer besiegelt.

Quellen:

Bultmann, D. (2017). Kambodscha unter den Roten Khmer. Die Erschaffung des perfekten Sozialisten. Paderborn: Ferdinand Schöningh .

Pheng, P.-R., Chandler, D., Dearing, C., & Sopheak, P. (²2020). A history of Democratic Kampuchea (1975-1979). Phnom Penh: Documentation Center of Cambodia.

Titelbild: Das Grab Pol Pots in Anlong Veng, https://tse2.mm.bing.net/th/id/OIP.KwzZNykLqdwfuBcxEwnJdAAAAA?r=0&pid=Api (15.09.2026).

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