Die Verbrechen der Khmer Rouge - ein Genozid?
In Bezug auf Massenmorde stellt sich spätestens seit der Entwicklung des Begriffs nach dem Zweiten Weltkrieg die Frage, ob die Verbrechen als Genozid einzuordnen sind. Zuallererst möchte ich erwähnen, dass man sich dahingehend immer die Frage stellen sollte, was das Ziel einer solchen Einordnung ist und welche Folgen sie hat.
Definition des Wortes „Völkermord“
Um die Frage trotzdem halbwegs zu beantworten, ob die Massenverbrechen der Roten Khmer als Genozid zu bezeichnen sind, beginne ich mit der Definition des Wortes „Genozid“. Was bedeutet das Wort, „Genozid“ oder „Völkermord“? Das Wort Genozid leitet sich vom Griechischen ab, wobei "genos" das "Volk" bezeichnet und "cedere" den Akt des Tötens.
Das als UN-Völkermordkonvention bekannte „Übereinkommen über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes“ vom neunten Dezember 1948 definiert Genozid folgendermaßen:
„Artikel I
Die Vertragsparteien bestätigen, dass Völkermord, ob im Frieden oder im Krieg begangen, ein Verbrechen gemäß internationalem Recht ist, zu dessen Verhütung und Bestrafung sie sich verpflichten.
Artikel II
In dieser Konvention bedeutet Völkermord eine der folgenden Handlungen, die in der Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören:
Tötung von Mitgliedern der Gruppe;
Verursachung von schwerem körperlichem oder seelischem Schaden an Mitgliedern der Gruppe;
vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen für die Gruppe, die geeignet sind, ihre körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen;
Verhängung von Maßnahmen, die auf die Geburtenverhinderung innerhalb der Gruppe gerichtet sind;
gewaltsame Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe.
Artikel III
Die folgenden Handlungen sind zu bestrafen:
Völkermord,
Verschwörung zur Begehung von Völkermord,
unmittelbare und öffentliche Anreizung zur Begehung von Völkermord,
Versuch, Völkermord zu begehen,
Teilnahme am Völkermord.
Artikel IV
Personen, die Völkermord oder eine der sonstigen in Artikel III aufgeführten Handlungen begehen, sind zu bestrafen, gleichviel ob sie regierende Personen, öffentliche Beamte oder private Einzelpersonen sind.“
Quelle: Übereinkommen über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes, URL: https://www.voelkermordkonvention.de/uebereinkommen-ueber-die-verhuetung-und-bestrafung-des-voelkermordes-9217/ (21.09.2026).
Wen töteten die Roten Khmer?
Zuallererst ist es wichtig zu wissen, dass sich die genaue Zahl derjenigen, die durch die Roten Khmer gestorben sind, nicht final ermitteln lässt. Das hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen: Zum einen war der letzte Zensus in Kambodscha im Jahr 1962, das heißt, die letzte sichere Bevölkerungszahl stammt aus diesem Jahr. Als zweites lässt sich anführen, dass bereits vor der Machtergreifung der Roten Khmer ein Bürgerkrieg herrschte, der viele Tote gefordert hat. Allerdings kennt auch hier niemand die genauen Opferzahlen. Um zu ermitteln, wie viele Menschen während des Khmer-Rouge-Regimes gestorben sind, muss er allerdings mitberücksichtigt werden. Der dritte Punkt ist Auswanderung. Zahlreiche – vor allem gebildete – Kambodschaner:innen flohen nach der Machtergreifung der Roten Khmer ins Ausland – und auch hier sind keine Zahlen bekannt.
Der Zensus von 1981 ermittelte in Kambodscha eine Bevölkerungszahl von 6,7 Millionen Menschen, was Berechnungen zufolge ca. eine Million weniger ist als im April 1975, als die Roten Khmer an die Macht kamen. Um von dieser Zahl aus zu berechnen, wie groß die Übersterblichkeit in Kambodscha unter den Roten Khmer war, also der Anteil der Personen, die ohne die Herrschaft der Roten Khmer überlebt hätten, müssen verschiedene Aspekte berücksichtigt werden: zum einen das reguläre Bevölkerungswachstum, das es in jeder Gesellschaft gibt, die Personen, die vor den Roten Khmer geflohen sind genauso wie diejenigen, die nach dem Sturz der Roten Khmer wieder zurückgekehrt sind (letzteres waren ca. 400.000 Menschen). Wenn man das alles mit einberechnet, liegt der Anteil der auf unnatürlichem Wege verstorbenen Menschen bei 20 bis 25 Prozent. Im Fall Kambodschas passt der Begriff der „Übersterblichkeit“ sehr gut, da ein viele Menschen nicht exekutiert wurden, sondern durch die Folgen der prekären Lebensbedingungen, also an Hunger, Krankheit oder Überarbeitung, gestorben sind. In absoluten Zahlen reichen die Schätzungen von 750.000 Toten (Schätzung von Michael Vikery) bis hin zu 3,3 Millionen Menschen (Ermittlungen der Volksrepublik Kampuchea). Inzwischen ist die Schätzung einer finnischen Untersuchungskommission zum allgemein anerkannten Konsens geworden: 1,7 Millionen Menschen.
Ähnlich schwierig ist es, die Zahl der Exekutionsopfer der Roten Khmer zu ermitteln. Schätzungen reichen von 400.000 bis zu 1,5 Millionen Toten. Die meisten Schätzungen aktuell belaufen sich auf 500.000 bis 700.000 Menschen, die von den Roten Khmer getötet wurden. Manche Historiker:innen versuchen auch, über prozentuale Anteile an die absoluten Zahlen zu gelangen. So schätzt Ben Kiernan, dass ca. 13% des Basisvolks (also der bäuerlichen Bevölkerung) und 25% des „Neuen“ Volks gestorben sind, davon 33% durch Exekution. Stephen Herder schätzt den Anteil der Gestorbenen höher ein, kommt aber auch auf 33% als Exekutionsopfer.
Besonders stark verfolgten die Roten Khmer buddhistische Mönche, Offizielle der Republik Khmer und ihre Familien sowie Minderheiten, namentlich die Cham, die vietnamesische und die chinesische Minderheit. Allerdings greift es zu kurz, die Gewalt der Khmer Rouge darauf zu beschränken. Je länger das Regime fortbestand, desto willkürlicher wurde die Gewalt. Am Ende konnte sich niemand mehr sicher sein, nicht im Visier der Roten Khmer zu stehen – auch nicht die Mitglieder des „Basisvolks“, die in der Ideologie der Roten Khmer das Idealbild eines Menschen darstellen, oder die Parteikader selbst. Henri Locard quantifiziert die getöteten Parteikader auf mehr als 50%.
Waren die Verbrechen der Roten Khmer ein Genozid?
Wie sich aus dem letzten Abschnitt herauslesen lässt, verfolgten die Roten Khmer verschiedenste Menschen – die sich nicht immer in eine „nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe“ einteilen lassen. Für manche Gruppen, bspw. die vietnamesische Minderheit, ist die Klassifikation als Völkermord dennoch zutreffend, weil die Roten Khmer sie gezielt verfolgten, um jeglichen Einfluss Vietnams auf Kambodscha auszurotten.
Allerdings birgt die Herauslösung der Gewalt an genau definierten Gruppen das Risiko, das Gesamtbild aus den Augen zu verlieren. Die Roten Khmer betrieben soziales Engineering par excellence und wollten die Gesellschaft als Ganzes umformen – jeden einzelnen Menschen. Werden nun einzelne Teile der Gewalt als Völkermord klassifiziert, besteht das Risiko, die übrigen Opfer der Khmer-Rouge-Gewalt als „Kollateralschaden“ eines brutalen Regimes abzustempeln. Nicht, dass dadurch die Verbrechen an der Minderheit an Grausamkeit verlieren würden, aber auch das Leid der kambodschanischen Bevölkerung sollte nicht vergessen werden.
Da der Begriff „Völkermord“ also auf jeden Fall nicht auf die Gesamtheit der Gewaltverbrechen, die die Roten Khmer verübt haben, anzuwenden ist, stellt sich die Frage, ob es andere, ggf. passendere Begriffe gibt. Im Raum stehen bspw. der Begriff des „Politizids“ oder des „Autogenozids“. Politizid beschreibt die Tötung der politischen Opposition, was ja auf die Roten Khmer in dem Sinne zutrifft, als dass sie alle verfolgten, die sich ihnen widersetzten. Den Begriff „Autogenozid“ nutzte der französische Politikwissenschaftler Jean Lacouture in Bezug auf die Verbrechen der Roten Khmer, um auszudrücken, dass die eigene Bevölkerung im Fokus der Tötungen stand.
Um eine Klassifizierung mit einem (egal welchem) der vorgenannten Begriffe vornehmen zu können, muss außerdem eine konkrete Tötungsabsicht nachgewiesen werden – auch das gestaltet sich schwierig, da der Großteil der Menschen unter den Roten Khmer an den Lebensbedingungen, z.B. Hunger oder Überarbeitung, gestorben sind. Aus diesem Grund verhandeln die ECCC das Verbrechen des Völkermords wie er in der UN-Konvention definiert wurde ausschließlich in Bezug auf die Verfolgung der vietnamesischen und der chinesischen Minderheiten sowie der Cham.
Der Historiker Stephen Heder beschreibt eine komplexe Gewaltdynamik, deren oberstes Ziel die Herstellung von Konformität in allen Lebensbereichen sei. Seine Beschreibung gleicht also eher der Definition eines Politizids, wie er auch in Bezug auf stalinistische und maoistische Gewalt diskutiert wird. Er sieht eine Schwierigkeit in der Diskussion um die Begrifflichkeiten in der Einteilung der Gesellschaft durch die Roten Khmer. Sie teilten die Gesellschaft in unterschiedliche Klassen, die jeweils zu einem unterschiedlichen Grad vom Kapitalismus verblendet seien. Allerdings basierte diese Einteilung nicht auf der wirtschaftlichen Situation der Menschen, sondern sie wurde ethnisiert, d.h. verschiedene Ethnien wurden einer separaten Klasse zugeteilt. Demzufolge vertritt Heder die Ansicht, die Cham und die chinesische Minderheit seien nicht aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit verfolgt worden, sondern weil sie durch ihre klassische Position in der kambodschanischen Gesellschaft als besonders verblendet und somit als Feinde der Revolution galten. Sein Hauptkritikpunkt an der Klassifizierung als Genozid besteht darin, dass sich ein Großteil der Gewalt der KR nicht durch rassistische Ideen erklären lässt, denn letztlich konnten alle dem Regime zum Opfer fallen. Reduziere man die Definition auf einzelne Gruppen, gehe das Gesamtbild der Gewalt verloren.
Ein weiterer Versuch, die Verbrechen der Roten Khmer irgendwie einzuordnen, besteht in der Betrachtung als revolutionäre Gewalt. Es gibt noch nicht viele Forscher:innen, die sich dem Thema aus dieser Perspektive gewidmet haben. Von diesem Standpunkt aus lässt sich alle Gewalt der Roten Khmer auf das Ziel der Errichtung einer neuen Ordnung zurückführen. An dieser Einordnung wird wiederum kritisiert, dass sie die Gewalt der Roten Khmer verharmlost.
Die Philosophin Claudia Card führt in ihrer Definition von Genozid den „sozialen Tod“ als Ergänzung zum „physischen Tod“ ein. Als sozialen Tod bezeichnet sie die Vernichtung aller Sozialstrukturen, bspw. von Familie, Gemeinschaft oder Religion, sodass die Menschen isoliert zurückblieben. Dieser Definition zufolge vernichteten die Roten Khmer zuvorderst die „Vitalität einer Gemeinschaft an und für sich zugunsten einer sozialistischen und teils auch rassistischen Ordnungsfantasie, in der jegliche Abweichung von der Norm Verrat und Tod bedeutet.“ Claudia Card nennt damit den „sozialen Tod“ als zentrales Element in der Frage nach der Definition von Genozid, begründet mit der Übersetzung von dem griechischen „genos“ als Gemeinschaft für Sinnstiftung statt für „Volk“. Damit ergänzt sie die UN-Definition um eine Ebene, die über die reine Zahl der getöteten Menschen, den „Bodycount“ hinausgeht und schließt auch andere Massenmordverbrechen mit ein.
Fazit
Die Frage danach, ob die Verbrechen der Roten Khmer als Genozid bezeichnet werden können, lässt sich nicht einfach mit ja oder nein beantworten. Bevor man darüber diskutiert, ob die Verbrechen nun als Genozid gelten oder nicht, sollte man sich die Frage stellen, mit welchem Ziel man eine solche Klassifizierung vornimmt. Denn gerade die Diskussion um den Begriff des Genozids verleitet zum Vergleich unterschiedlicher Massengewaltverbrechen und damit schlimmstenfalls dazu, das Leid unterschiedlicher Menschen gegeneinander aufzuwiegen.
In Bezug auf die Roten Khmer lässt sich undiskutabel lediglich festhalten, dass sich alle Gewalt auf eine „gärtnerische“ Ordnungsfantasie zurückführen lässt, „die das Soziale, die Nation, das Volk oder einfach die Gemeinschaft der Menschen an und für sich umzuformen trachtete und dabei auf einen hoch bürokratischen Verwaltungs- und Gefängnisapparat zurückgriff, der nonkonformes Verhalten bis in das letzte Detail ‚beseitigte‘‘‘ (Bultmann).
Quelle:
Übereinkommen über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes, URL: https://www.voelkermordkonvention.de/uebereinkommen-ueber-die-verhuetung-und-bestrafung-des-voelkermordes-9217/ (21.09.2026).
Bultmann, D. (2017). Kambodscha unter den Roten Khmer. Die Erschaffung des perfekten Sozialisten. Paderborn: Ferdinand Schöningh.
Definition des Wortes "Völkermord" nach dem US Holocaust Memorial Museum, URL: https://encyclopedia.ushmm.org/content/de/article/what-is-genocide (25.09.2026).
Definition des Wortes Völkermord nach der Bundeszentrale für politische Bildung, URL: https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/das-junge-politik-lexikon/320383/genozid/ (25.09.2026).
Informationsseite des Holocaust Memorial Day Trust der britischen Regierung, URL: https://hmd.org.uk/learn-about-the-holocaust-and-genocides/cambodia/the-genocide/ (25.09.2026).



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