Die Überlebenden von S-21
- 19. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Der letzte Artikel hat sich mit dem Gefängnissystem der Roten Khmer beschäftigt. Dieses war äußerst brutal und gerade in den hierarchisch höheren Gefängnissen, allen voran S-21, gab es quasi keine Überlebenschancen. In S-21 waren über 18.063 Menschen inhaftiert, darunter wissen wir nur von 12 Überlebenden. Ihnen und ihren Geschichten ist diesen Artikel gewidmet.
Unter den Überlebenden waren acht Erwachsene und vier Kinder. Die Identität von zwei Mädchen, die im Januar 1979 von der vietnamesischen Armee in S-21 gefunden wurden, ist heute allerdings unbekannt. Die fünf Personen, die ich hier vorstelle, setzen sich seit dem Sturz der Roten Khmer für die Erinnerung ein und haben auch Autobiographien veröffentlicht. Von den anderen Überlebenden sind nicht viele Informationen bekannt.
Vann Nath

Vann Nath wurde im Januar 1946 in Wat Sopheng in der Provinz Battambang geboren. Dort wurde er im Malen ausgebildet - vor allem der Impressionismus hatte es ihm angetan - und etablierte sich vor dem Bürgerkrieg als Künstler für Filmplakate, Schilder und Portraits. Im Jahr 1971 heiratete er Kith Eng, mit der er drei Kinder hatte.
Nachdem er unter den Roten Khmer in einer Kooperative Zwangsarbeit leisten musste, wurde er am 30. Dezember 1977 mit dem Vorwurf des Verrats und der Spionage für die CIA in das Lokalgefängnis in der ehemaligen Pagode Wat Samrong in Battambang inhaftiert. Am siebten Januar 1978 überstellten die Roten Khmer ihn nach S-21.
Ungefähr einen Monat nach seiner Inhaftierung bekam Vann Nath von Duch den Auftrag, Portraits von Pol Pot zu malen - zu diesem Zeitpunkt wusste Vann Nath nicht, wen er da eigentlich malte. Die Portraits wurden zu Propagandazwecken überall im Land aufgehängt. Durch diese Aufgabe überlebte Vann Nath das Regime der Roten Khmer.
Nach dem Fall des Regimes gelang es Vann Nath, weine Frau wiederzufinden, die das Regime ebenfalls überlebt hatte. Seine zwei Söhne waren an den Folgen der Zwangsarbeit gestorben.
Vann Nath malte nach dem Fall der Roten Khmer die Qualen und die Folter, die er in S-21 gesehen und selbst erlebt hatte. Diese Bilder sind heute im Tuol Sleng Museum ausgestellt. Zeit seines Lebens engagierte er sich für Versöhnung und Aussöhnung. In dem Film "S-21: The Khmer Rouge killing machine" besuchte er das ehemalige Gefängnis und traf ehemalige Wachen wieder. Auch im Gerichtsprozess gegen Duch, den Gefängnisleiter, vor dem Khmer-Rouge-Tribunal sagte Vann Nath aus.
Am 5. September 2011 starb Vann Nath in Phnom Penh infolge einer langjährigen Nierenerkrankung.
Bou Meng

Bou Meng wurde 1941 im Distrikt Krauch Chhmar in der Provinz Kampong Cham geboren. Während des Bürgerkriegs lebte er in einem von den Roten Khmer kontrollierten Gebiet. Nach dem 17. April 1975 wurde er von den Khmer Rouge damit beauftragt, für die Azubis der Russey Keo Technical School zu zeichnen. Ungefähr zwei Monate später wurde Bou Meng nach Taley verlegt, in eine Kooperative. Dort musste er Kanäle graben, Gemüse pflanzen sowie pflügen und eggen.
Im Jahr 1977 inaftierten die Roten Khmer Bou Meng und seine Frau in S-21 unter dem Vorwand, sie sollten an der Schule für Bildende Künste unterrichten.
Die Roten Khmer verhörten und folterten Bou Meng, weil sie ihm vorwarfen, ein Spion für CIA und KGB zu sein. Ab Ende 1977 musste Bou Meng für Duch, den Gefängnisleiter, Portraits malen. In Gebäude E wurde er unter strikter Bewachung zum Zeichnen gezwungen, bis die Khmer Rouge im Januar 1979 gestürzt wurden.
Bou Meng war einer der Zeugen im Gerichtsprozess gegen Duch vor dem Khmer-Rouge-Tribunal.
Chum Mey

Chum Mey wurde 1931 in der Gemeinde Lovea in der Provinz Prey Veng geboren. Vor 1975 arbeitete er als Mechaniker in Phnom Penh. Wegen seiner Fähigkeiten als Mechaniker erlaubten die Khmer Rouge ihm und seiner Familie, nach Phnom Penh zurückzukehren, während die meisten anderen Menschen aus Phnom Penh zwangsvertrieben wurden und auf dem Land arbeiten mussten.
Als Mechaniker arbeitete Chum Mey in der Schneiderei-Abteilung des Orussey-Marktes. Im Oktober 1978 inhaftierten die Roten Khmer ihn und brachten ihn nach S-21. Sie warfen ihm vor, für CIA und KGB spioniert zu haben.
In den ersten zehn Tagen seiner Internierung wurde er brutalst gefoltert, bevor die Roten Khmer ihn zwangen, Schreibmaschinen und Stromgeneratoren zu reparieren.
Im Gerichtsverfahren gegen Duch, den Gefängnisleiter, sagte Chum Mey vor dem Khmer-Rouge-Tribunal aus.
Norng Chanphal und sein Bruder Norng Chanly

Norng Chanphal wurde 1970 im Distrikt Chumkiri in der Provinz Kampot geboren. Nachdem die Roten Khmer im April 1975 die Macht übernommen hatten, wurden er und seine Familie gezwungen, ihre Heimatstadt zu verlassen.
Während der Herrschaft der Roten Khmer lebte Norng Chanphal in einer Kooperative in Kampong Speu. Sein Vater war ein Khmer-Rouge-Kader, der in der Holzbearbeitung arbeitete. Er sägte Holzstücke für train wheel wedges. Norng Chanphals Mutter arbeitete als Bäuerin.
Nach einiger Zeit brachten die Roten Khmer seinen Vater nach Phnom Penh - um dort zu arbeiten, wie sie sagten. In der Realität brachten sie ihn nach S-21. Kurz darauf brachten die Khmer Rouge auch Norng Chanphal, seinen Bruder und seine Mutter unter dem Vorwand eines Familientreffens nach Phnom Penh. Am 01. Januar 1979 wurden auch sie in S-21 inhaftiert - nur wenige Tage vor dem Einmarsch der vietnamesischen Armee in Phnom Penh.
Seine Eltern wurden verhört, gefoltert und umgebracht, nachdem die Roten Khmer ein "zufriedenstellendes" Geständnis erhalten hatten.
Als die Roten Khmer das Foltergefängnis S-21 am siebten Januar räumten und alle verbliebenen Gefangenen ermordeten, versteckten sich Norng Chanphal und sein Bruder Chanly unter einem Berg an Kleidung. Am zehnten Januar wurden die beiden Jungen von der kambodschanischen Befreiungsfront gefunden.
Norng Chanphal sagte ebenfalls im Gerichtsprozess gegen Duch aus.
Quellen:
Biographien der Überlebenden und Ausstellungstexte im Museum
Bildquellen:
Vann Nath: https://tse1.mm.bing.net/th/id/OIP.iv3v7cHDAQdW9RpKSnhhbwHaLt?r=0&pid=Api (18.07.2026).
Chum Mey: https://tse3.mm.bing.net/th/id/OIP.LWrK8WAGSvjQpkfh4qLMlQHaFd?r=0&pid=Api (18.07.2026).
Bou Meng: eigene Aufnahme.
Norng Chanphal (Titelbild): eigene Aufnahme.


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