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Das Gefängnissystem der Roten Khmer

  • 28. Juni
  • 11 Min. Lesezeit

Während ihrer Herrschaft errichteten die Roten Khmer fast 200 Gefängnisse im ganzen Land. Offiziell waren es aber gar keine Gefängnisse, denn sie hießen „Sicherheitsbüro“ oder „Sicherheitszentrum“. Pol Pot selbst sagte: „Wir haben keine Gefängnisse. Wir benutzen nicht einmal das Wort ‚Gefängnis‘. Schlechte Elemente werden produktiver Arbeit zugeteilt.“

Die Roten Khmer errichteten ihren Verfolgungsapparat nach maoistisch-chinesischem Vorbild und mit Hilfe chinesischer Berater. Bezüglich Funktionsweise, Struktur und internen Abläufen waren die Gefängnisse im ganzen Land identisch. Für ihre Gefängnisse nutzten die Roten Khmer wichtige Stätten des Lon-Nol-Staates, zum Beispiel Schulen oder Pagoden, um ihre Überlegenheit gegenüber dem alten System zu demonstrieren.

! Achtung: Der Artikel thematisiert auch die Ermordung von Gefangenen und die Tötungsmethoden, die die Roten Khmer anwandten.

Struktur der Gefängnishierarchie

Das Gefängnissystem der Roten Khmer bestand aus fünf Ebenen. Auf der untersten Ebene hatten alle Dörfer die Möglichkeit, Menschen zu inhaftieren. Die nächsthöhere Stufe waren die Umerziehungslager der Distrikte, darüber gab es die Gefängnisse der Regionen, schließlich der Zonen und ganz oben in der Hierarchie stand das Zentralgefängnis S-21 mitten in Phnom Penh.

In den Dorfgefängnissen wurden ausschließlich Angehörige des „Basisvolks“ inhaftiert, denn Angehörige des „neuen“ Volkes wurden – unabhängig des Vorwurfs, der ihnen gemacht wurde – direkt in Distriktgefängnisse überstellt. Auf Dorfebene gab es meist eine Befragung, bestraft wurden die Häftlinge mit zusätzlicher Zwangsarbeit und Gedankenreform. Exekutionen gab es auf dieser Ebene kaum, da die Kader nicht die Erlaubnis dafür hatten. Vor allem vor 1976 kamen viele der dort Inhaftierten wieder frei.

Auf der nächsthöheren Stufe, in den Distriktgefängnissen, lag die Freilassungsquote mit 20-30% relativ hoch. Dennoch ermordeten die Roten Khmer auf der Distriktebene zahlenmäßig die meisten Menschen. In jedem der Gefängnisse wurden zwischen 10.000 und 60.000 Menschen ihres Lebens beraubt. Viele Häftlinge der Distriktgefängnisse waren Diener der Republik Khmer und ihre Familien. Durch ihre Tätigkeit für den Staat Lon Nols galten sie als unerziehbar und waren dadurch dem Tode geweiht. Die Distriktgefängnisse mussten zwar tägliche Berichte an das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei senden, dennoch dokumentierten sie bei weitem nicht alle Fälle und Befragungen.

In den Regionalgefängnissen lag die Überlebenschance deutlich niedriger. Das lag nicht nur an der Ermordung von Häftlingen, sondern auch an den unmenschlichen Lebensbedingungen, die in den Lagern herrschten. Viele der Zentren dienten der Zwangsarbeit, durch die viele der Häftlinge zu Tode kamen. Sie wurden bereits ab 1970 in den sogenannten „befreiten“ Zonen eingerichtet. Ab 1976 wurden in den Regionalgefängnissen auch Parteikader niederen Ranges inhaftiert, die zum „Strang des Verrats“ (Erklärung Strang des Verrats) ihrer Vorgesetzten gehörten. Die Vorgesetzten selbst kamen direkt in die Zonengefängnisse.

Der „Strang des Verrats“

Als „Strang des Verrats“ bezeichneten die Roten Khmer die Personen, die einer beschuldigten Person, bspw. in einer Behörde, unterstanden. Da die niedrigeren Personen die Partei nicht über das Fehlverhalten ihrer Vorgesetzten informiert hatte, gingen die Roten Khmer davon aus, dass sie Teil des mutmaßlichen Verrats waren.

Begründet wurde dieses Vorgehen durch das Mantra: „Um Gras auszureißen, muss man auch die Wurzeln herausziehen.“

Gemäß dieser Devise löschten die Roten Khmer auch ganze Familien aus, denn sie wollten verhindern, dass sich die Nachfahren einer ermordeten Person an der Partei rächen könnten.

Rein zahlenmäßig weisen die Zonengefängnisse paradoxerweise die niedrigsten Opferzahlen auf. Dort waren hauptsächlich Khmer-Rouge-Kader und ihre Familien inhaftiert – aber nur solche, die nicht als „unerziehbar“ galten, denn in diesem Fall wären sie nach S-21 überstellt worden. In den Zonengefängnissen wurden die Kader meist mit Zwangsarbeit bestraft und hatten somit die Chance, zu überleben. Dennoch war die Dokumentation auf der Zonenebene engmaschiger als auf den unteren Ebenen.

Wie in allen Bereichen wollten die Roten Khmer auch im Gefängnissystem die Kontrolle behalten. Deshalb forderten sie eine engmaschige Berichterstattung aller Gefängnisse ab der Regionalebene ein. Die Institutionen mussten täglich Berichte verschicken, an die nächsthöhere Instanz sowie das Zentralkomitee der Partei direkt.

Von der Inhaftierung zur Ermordung

Seit dem Ende des Jahres 1976 wurde das Aufspüren von Feinden zur Hauptaktivität ‚Angkars‘. Die Menschen wurden aufgefordert, sich gegenseitig auszuspähen und in irgendeiner Weise verdächtiges Verhalten an Angkar zu melden. Wurde den Parteikadern ein Name gemeldet, leiteten sie ihn an die Distrikt- oder Subdistrikt-Komitees weiter. Diese inhaftierten schließlich die verratene Person. Die Inhaftierungen fanden meist nicht öffentlich statt. In der Regel wurde den Personen gesagt, sie müssten zu einer Fortbildung, weshalb ‚Angkar‘ sie zu einem anderen Ort bringe. Ohne Untersuchung der Vorwürfe wurden die Menschen schließlich inhaftiert.

In den unteren Ebenen der Gefängnishierarchie herrschten unmenschliche Lebensbedingungen, die bei vielen Gefangenen zum Tod führten; dort wurde in der Regel keine Folter angewandt. Auf den höheren Gefängnisebenen (v.a. in S-21) gehörten Folter und Verhöre zum Alltag. Nach der Inhaftierung folgten alle Gefängnisse einem dreigliedrigen System: zunächst wurden die Häftlinge befragt, anschließend wurde ein Bericht angefertigt und abschließend entschied die übergeordnete Instanz über das weitere Vorgehen mit dem Häftling.

Die Verhöre fanden meist unter Folter statt, in S-21 mussten die Gefangenen ein „Geständnis“ ablegen und dieses mit einer „Netzwerkliste“ vervollständigen. Letztere war für die Kommunistische Partei von besonderer Relevanz, da sie sich davon erhoffte, feindliche Netzwerke aufzudecken. Menschen, die auf so einer Liste zu finden waren, wurden häufig ebenfalls inhaftiert. Nach Abschluss des Verhörs erstellten die Kader einen Bericht, in dreifacher Ausführung: eine diente der eigenen Archivierung, die anderen beiden der Weiterleitung an übergeordnete Instanzen. Diese hatten die Aufgabe, über das Schicksal des Gefangenen zu entscheiden. Er konnte freigelassen, zu Zwangsarbeit verpflichtet oder in ein anderes Gefängnis verlegt werden. Außerdem konnten die übergeordneten Instanzen eine Vertiefung oder Erweiterung des Geständnisses und die Exekution von Gefangenen anordnen. In den meisten Fällen überließen es die höheren Instanzen den untergeordneten Kadern, selbst die Entscheidung über das Schicksal der Häftlinge zu treffen. Für die niedrigeren Kader war das eine stete Grauzone, denn Fehlentscheidungen wurden als gezielter Verrat gesehen.

Im Demokratischen Kampuchea wurden wahrscheinlich 500.000 Menschen wegen „Verbrechen gegen Angkar“ ermordet. Die Ermordung konnte auf unterschiedliche Art und Weise vollzogen werden. In den meisten Fällen schlugen die Kader mit einer Schaufel, einer Axt oder einem Bambusstock auf die Gefangenen ein. Selten, um Ressourcen zu sparen, wurden die Gefangenen erschossen. Auf dem Land wurden die angeblichen Verräter häufig in Versenkungen oder Höhlen geworfen.

Das Zentralgefängnis S-21

Zu S-21 gibt es schon einen separaten Artikel (der ist hier zu finden), deshalb möchte ich hier nicht allzu ausführlich darauf eingehen. Wie das gesamte Gefängnissystem war auch S-21 sehr bürokratisch organisiert und alles folgte strengsten Regeln. Wer sich nicht daran hielt, wurde hart bestraft. Das galt für Häftlinge wie Aufseher:innen.

Regeln aus dem Handbuch für Folterer

  1. Decke zunächst seine Informationen auf.

  2. Als nächstes sammle eine Reihe von Punkten, um ihn unter Druck zu setzen, so dass er seinen Kopf nicht mehr zu heben vermag.

  3. Bekehre und presse ihn politisch aus.

  4. Befrage ihn hart und verfluche ihn.

  5. Foltere ihn.

  6. Studiere und analysiere sein Geständnis, um es bei erneuter Folter gegen ihn zu verwenden.

  7. Studiere und analysiere sein Geständnis, um einen Bericht zu erstellen.

  8. Überwache ihn aufmerksam. Erlaube es ihm nicht, zu sterben. Lass [die Insassen] nicht voneinander hören.

  9. Bewahre Geheimhaltung.

Die Regeln für Inhaftierte von S-21

  1. Beantworte stets, was gefragt wurde, verdrehe nicht meine Fragen.

  2. Ergehe dich nicht in Ausreden, Argumenten oder Gegenreden.

  3. Stell dich nicht dumm, als würdest du die Angelegenheit nicht verstehen, schließlich hast du es gewagt, die Revolution zu betrügen.

  4. Jetzt gefragt, antworte auch jetzt. Zögere keinen Moment.

  5. Rede nicht von solchen Dingen wie Unzulänglichkeiten, kleineren oder moralischen Vergehen oder Schwäche. Sprich nicht von Revolution.

  6. Schreie nicht während der Elektroschocks oder Schläge.

  7. Tue absolut gar nichts. Sitze ruhig da und warte auf meine Befehle. Solange nichts befohlen wurde, tue auch nichts. Was ich anordne, tue es sofort. Nicht herumlamentieren.

  8. Benutze nicht den Vorwand Kampuchea Krom, um dein verräterisches Gesicht zu verstecken.

  9. Für jedes Mal, bei dem du gegen eine dieser Regeln verstößt, bekommst du Schläge und Elektroschocks. Du wirst nicht in der Lage sein, sie zu zählen.

  10. Widersetze dich einer dieser Regeln und du erhältst zehn Schläge oder fünf Elektroschocks.

Beides wurde zitiert nach Bultmann, 2017, S. 119f.

Die „Geständnisse“ in S-21 dienten nicht der Aufklärung von Anschuldigungen, sondern des Nachweises der Richtigkeit der Partei. Das Handbuch der Folterer äußert sich dazu folgendermaßen:

„Die Aufgabe von uns Verhörenden ist es, dass wir der Partei immer glauben müssen. Was die Partei anfragt, muss erledigt werden. Dabei müssen wir in unserem Denken [durchweg] enthusiastisch sein. Zuallererst müssen wir es zu unserer Gewohnheit machen, uns selbst zu analysieren und der Partei dabei ständig Bericht zu erstatten, damit die Partei uns helfen kann, uns selbst zu korrigieren und der Partei zu folgen. Wir dürfen niemals glauben, dass der Wert unserer eigenen Analyse höher liegt als die der Partei.“ (Bultmann, 2017, S. 124)

Dabei folgten die „Geständnisse“ immer einer klaren Struktur. Zuerst mussten die Gefangenen eine Autobiographie aufschreiben. Dabei musste jegliches Handeln in Vorbereitung auf den mutmaßlich begangenen Verrat stehen. In einem zweiten Teil mussten die Gefangenen die „Geschichte des Verrats“ darlegen, wie sie in Kontakt mit dem feindlichen Geheimdienst gekommen sind, in welchem Bereich sie für ihn gearbeitet haben etc. Dabei wussten viele Folterer und Gefangene häufig nicht, was CIA oder KGB eigentlich sind. Wichtig war für ‚Angkar‘ in den Geständnissen, dass der „Verrat“ aus „reiner, individualistischer Selbstsucht“ resultierte und eine individuelle moralische Schwäche darstellte. Anschließend folgte ein Loblied auf die Partei, in dem die Gefangenen der Partei dafür danken mussten, dass sie ihnen die Erkenntnis über das eigene Fehlverhalten gebracht habe. Infolgedessen mussten die Häftlinge den Tod als rechtmäßige Strafe anerkennen und der Partei teilweise im Voraus für die eigene Tötung danken. Am Ende jeden Geständnisses stand eine Liste mit mindestens zehn bis fünfzehn „Kompliz:innen“, die die Partei meist anschließend ebenfalls inhaftierte.

Als Aufseher:innen von S-21 rekrutierten die Roten Khmer hauptsächlich Jungen im Alter von 12 Jahren, die arm waren und keine Bildung erfahren hatten. Durch diese Voraussetzungen glaubten die Khmer Rouge, die Jungen seien einfacher zu indoktrinieren. Nach der Rekrutierung mussten sich die Jungen einer ersten „Gedankenreform“ unterziehen. In unendlich langen Kritik- und Selbstkritiksitzungen lernten sie, aufmerksam zu sein – nicht nur gegenüber Häftlingen, sondern auch gegenüber den anderen Wachen. Die monatelange „Ausbildung“ in einer Indoktrinations- und Trainingsstätte in Phnom Penh beinhaltete neben ständiger Kontrolle physische und psychische Folter, die die jungen Kader selbst erlitten. Ehemalige Wachen von S-21 erzählten, sie hätten so große Angst vor ihren Vorgesetzten gehabt, dass sie sich nicht getraut hätten, zu widersprechen – egal was der Vorgesetzte von ihnen verlangte. Denn alle Wachen wussten: Wenn sie einen Fehler machten, würden nicht nur sie, sondern ihre ganze Familie dafür bestraft werden.

Opfergruppen

Die Khmer Rouge teilten die „Feinde der Revolution“ in zwei Gruppen ein: innere und äußere Feinde. Zu den inneren Feinden zählten verschiedene Gruppen innerhalb der kambodschanischen Gesellschaft. Allen voran waren Mitglieder des „neuen Volkes“ im Visier der Parteiführung. Es wurden aber auch andere Gruppen verfolgt:

  • Offizielle der Republik Khmer (dem Vorgängerstaat der Roten Khmer): Vor allem in den Wochen nach der Machtübernahme durch die Roten Khmer im April 1975 wurden tausende ehemaliger Soldaten und Staatsbedienstete aus dem Lon-Nol-Staat massenweise ermordet. In vielen Fällen wurden ihre Verwandten auch getötet – so wollten die Roten Khmer verhindern, dass diese später einmal Rache üben könnten. Einigen Soldaten gelang es auch, ihre Vergangenheit zu verstecken, sodass sie die Khmer Rouge überleben konnten.

  • Minderheiten: Die Roten Khmer strebten eine Revolution der ethnischen Khmer an. Menschen anderer Ethnien galten in ihren Augen als nicht vertrauenswürdig und wurden massenweise ermordet. Eine Ausnahme bildete die Bevölkerung der Berge bei Ratanakiri, bei denen die Führung der Roten Khmer sich einige Jahre vor der Verfolgung durch Prinz Sihanouk versteckt hatte. Allerdings änderte sich auch das, denn ab 1972 setzten die Khmer Rouge dort Zwangsumsiedlungen durch und alle, die den Anweisungen der Kader nicht sofort Folge leisteten, wurden ermordet.

  • Cham (Muslime): Die Roten Khmer zwangen die Minderheit der Cham, verteilt unter den Khmer zu leben. Es war ihnen verboten, ihre Sprache zu sprechen oder den Islam zu praktizieren. In den Kooperativen wurden Cham vielfach dazu gezwungen, Schweinefleisch zu essen, was entgegen den Regeln des Islam steht. Viele Cham wurden ermordet.

  • Vietnamesen: Seit der Machtübernahme durch die Roten Khmer im April 1975 wurden Menschen mit vietnamesischer Staatsangehörigkeit in Massen ausgewiesen. Lediglich solche, die mit Khmer verheiratet waren, durften weiterhin in Kambodscha leben. Ab 1977 änderte sich das, als die Roten Khmer begannen, gezielt Menschen vietnamesischer Staatsangehörigkeit zu ermorden. Nur äußerst wenige überlebten den Völkermord.

  • Chinesen: Angehörige der chinesischen Minderheit in Kambodscha mussten im Rahmen der Massenumsiedlungen in Kooperativen leben. Sie litten unter der schlechten Behandlung durch die Parteikader, wenn sie nicht hart genug arbeiteten. Da China aber für die Führung der Roten Khmer als Vorbild galt und geachtet wurde, wurden Menschen chinesischer Staatsangehörigkeit nicht systematisch umgebracht.

  • Gebildete: In den Augen der Khmer Rouge stellten Menschen, die höhere Bildung erfahren hatten, eine der größten Bedrohungen für ihre Revolution dar, da diese „Angkar“ infrage stellen und sich infolgedessen gegen sie auflehnen könnten. Alle, die es irgendwie konnten, versuchten ihre Bildung zu verstecken, um ihre Überlebenschancen zu erhöhen. Dennoch ermordeten die Roten Khmer tausende Lehrkräfte, Ärzt:innen und andere Menschen mit universitärer Bildung.

  • (angebliche) Verräter: Als Verräter galten Menschen, die verdächtigt wurden, gegen die Revolution zu arbeiten. Grundsätzlich galt die Devise: „Feind ist, wer sich widersetzt.“ Die häufigsten „Verbrechen“ waren: Küchenutensilien kaputt machen, Essen stehlen, zu spät zur Arbeit erscheinen, Schmuck tragen, sich über die Lebensbedingungen beschweren, sexuelle Beziehungen haben, den Tod von Freund:innen oder Verwandten betrauern oder religiöse Zeremonien abhalten. Kranken wurde häufig vorgeworfen, die Krankheit nur vorzutäuschen, um nicht arbeiten zu müssen. Die Menschen, gegen die eine derartige Anklage vorlag, verschwanden spurlos und wurden meist ermordet, unabhängig davon, ob sie tatsächlich dieses Verbrechen begangen hatten oder nicht.

Als äußere Feinde sahen die Roten Khmer Menschen mit Beziehungen zu den USA und seinen Verbündeten (bspw. Thailand) oder zur Sowjetunion und ihren Verbündeten (bspw. Vietnam). Die Khmer Rouge verdächtigten die anderen Länder, Kambodscha einnehmen und kolonialisieren zu wollen. Die Roten Khmer gingen davon aus, dass alle diese feindlichen Länder Geheimagenten im Demokratischen Kampuchea haben, um die Bevölkerung infiltrieren und Kambodscha einnehmen zu können. Deshalb wurden viele (auch eigene) Menschen beschuldigt, als Spion für einen feindlichen Geheimdienst zu arbeiten. Vor allem Kambodschaner:innen, die Fremdsprachen sprechen konnten oder aus dem Ausland zurückgekehrt waren, sahen sich mit diesem Vorwurf konfrontiert. Der Vorwurf diente den Khmer Rouge aber auch als willkommene Legitimation, um unliebsame Menschen zu töten.

Bemerkenswert ist, dass die Roten Khmer nicht davor zurückschreckten, ihre eigenen Parteikader umzubringen. Bereits zum Ende des Jahres 1975 gab es Beschwerden und Anklagen gegen Kader, sie handelten egoistisch und seien vom Materialismus verführt worden. Ab 1976 wuchs die Anzahl der Kader, die selbst Opfer des Gefängnissystems wurden, erheblich an. Die Partei erklärte nunmehr die politische Einstellung der Parteikader zum Hauptproblem der Revolution. Pol Pot glaubte, aus den Kadern sei eine neue, eigene soziale Klasse geworden, die die ihnen Untergebenen ausbeuteten. Ihnen steige diese Macht zu Kopfe, deshalb mussten die Kader von da an unter den Bauern leben, denn „Angkar“ duldete keinerlei individuelle Macht- und Gewaltfantasien. Je mehr Kader eingesperrt wurden und je mehr „Geständnisse“ es dadurch gab, desto stärker glaubten Pol Pot und seine Clique an die unsichtbaren, aber umso gefährlicheren Feinde aus den eigenen Rängen. Dementsprechend verstärkten sie die Suche nach diesen „Mikroben“, wie sie sie nannten, sodass die Angst, inhaftiert zu werden, auch unter den Parteikadern und Gefängniswachen omnipräsent war. Letztlich wurden über 50% der Parteikader der Roten Khmer während ihrer Herrschaft ermordet.

Schwierigkeiten in der Erforschung des Gefängnissystems

Das Gefängnissystem der Roten Khmer blieb lange unerforscht. Auch David Chandler, der 1999 eines der ersten Bücher über die Khmer-Rouge-Herrschaft und S-21 veröffentlichte, behandelte lediglich das Zentralgefängnis S-21.

Innerhalb des Verfolgungsapparates besitzt das Zentralgefängnis S-21 eine Sonderrolle, da es das wohl am besten dokumentierte Gefängnis der Roten Khmer ist. Daneben war es das erste, das die vietnamesische Armee bei ihrem Einmarsch in Phnom Penh im Januar 1979 vorfand.

Es gab aber noch weitere Faktoren, die die Beschäftigung mit dem Gefängnissystem erschwerten. Zum einen waren die gefundenen Quellen vor dem Hintergrund des Kalten Krieges umkämpft. Wer sie einmal hatte, stellte sie nicht öffentlich der Forschung zur Verfügung – schon gar nicht den Ländern des jeweils anderen Blockes. Diese schriftlichen Dokumente waren (und sind) jedoch die wichtigsten Quellen in der Erforschung von S-21 und dem gesamten Gefängnissystem.

Innerhalb des Landes und der eigenen Organisation übten die Roten Khmer strengste Geheimhaltung, sodass viele Menschen in der Bevölkerung nicht viel über das Gefängnissystem wussten. Die Menschen bekamen zwar mit, wie die „Volksverräter“ abtransportiert wurden und nicht zurückkehrten. Meist – sofern sie überhaupt darüber nachgedacht haben – gingen sie aber davon aus, dass die Roten Khmer die vermuteten Verräter direkt ermordeten und in Massengräber warfen.

Zusammenfassung

Das Gefängnissystem der Roten Khmer, das sich stark an dem des maoistischen China orientierte, bestand aus mindestens 200 Haftanstalten und 20.000 Tötungsstätten. Es war ein ausgeklügeltes System, um den staatlich organisierten „Verwaltungsmassenmord“ (Bultmann) umzusetzen. Damit wollten die Roten Khmer jegliche Form von Individualismus und Abweichung in ihrem Staat bekämpfen.

Opfer dieses Systems konnten alle werden, was sich auch daran zeigt, dass mehr als jeder zweite Parteikader im Laufe der Zeit selbst ermordet wurde.

Wie viele Menschen dem Verfolgungsapparat der Roten Khmer zum Opfer fielen, kann nicht genau festgestellt werden, Schätzungen reichen von 200.000 bis 1 Millionen Menschen. Obwohl die Gefängnisse eine so große Rolle im Staat der Roten Khmer spielten, war dieses grausame System lange Zeit nicht wirklich erforscht, da die Quellenlage dünn und der Zugang zu Quellen nur eingeschränkt möglich war.

Quellen:

Bultmann, D. (2017). Kambodscha unter den Roten Khmer. Die Erschaffung des perfekten Sozialisten. Paderborn: Ferdinand Schöningh .

Pheng, P.-R., Chandler, D., Dearing, C., & Sopheak, P. (²2020). A history of Democratic Kampuchea (1975-1979). Phnom Penh: Documentation Center of Cambodia.

Titelbild: Gebäude C des ehemaligen Gefängnisses S-21, Elisabeth Meister.

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