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Recap Woche 10: Mein erster Provinzausflug

  • 30. Nov. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 18. Mai

Der Sonntag, an dem ich von Japan zurückkam, war der kambodschanische Nationalfeiertag, denn am 09. November 1953 wurde Kambodschas Unabhängigkeit von seiner Kolonialmacht Frankreich verkündet. Wirklich groß gefeiert wurde er allerdings nicht, wenn ich das richtig mitbekommen habe. Es gab lediglich ein Feuerwerk abends (das habe ich mir aber nicht angeschaut, weil ich nach dem Urlaub echt müde war). Auch wenn der Nationalfeiertag selbst nicht so groß gefeiert wird, ist das Nationalgefühl beziehungsweise der Nationalstolz sehr stark, was sich vor allem in der klaren Haltung zum Kambodscha-Thailand-Konflikt widerspiegelt. A propos: Aktuell ist die Grenzsituation wieder ein bisschen eskalationsgefährdet. Am Mittwoch (12.11.) haben thailändische Soldaten in einem kambodschanischen Dorf einen Menschen getötet und drei weitere verletzt. Donnerstags ist ein thailändischer Soldat durch eine Landmine gestorben und nun wirft Thailand Kambodscha vor, neue Landminen verlegt zu haben. Das sogenannte Kuala-Lumpur-Abkommen vom 26. Oktober 2025 (über das sogar die Tagesschau berichtet hat), ist also gebrochen, die Landgrenzen bleiben weiterhin geschlossen und die Situation angespannt. Ich hoffe, dass es nicht zu einer weiteren Eskalation kommt🤞.

Außer den Nachrichten bekommen wir in Phnom Penh von dem Konflikt nichts mit, deshalb widme ich mich jetzt meinem Wochenende. Das war ziemlich spannend, denn ich war mit dem Research Program unterwegs in Kampong Speu, da wir dort Zeitzeug:inneninterviews für unser Forschungsprojekt gemacht haben. Wir sind freitagmittags losgefahren und hatten nach unserer Ankunft direkt noch ein Gespräch mit dem aktuellen Bürgermeister oder Distriktleiter (ich bin mir nicht ganz sicher, welche Funktion er hat). Danach haben wir gemeinsam zu Abend gegessen und noch eine kleine Tagesabschluss-reflexionsrunde gemacht. Nach ein paar Runden Uno sind wir schließlich (sogar recht früh) schlafen gegangen.

Das war auch sinnvoll, denn der Samstag war ein langer Tag. Vom Frühstück bis zum Mittagessen und noch einmal nachmittags bis zum Abendessen haben wir Interviews geführt. Dabei fand ich es total spannend, dass wir das mehr oder weniger spontan gemacht haben. Also klar, der Bürgermeister war darüber informiert, was wir machen, hat uns auch in Empfang genommen und teilweise begleitet, aber letztlich haben wir dann in Gruppen Straßen zugeteilt bekommen, sind da langgelaufen und haben gefragt, ob die Menschen bereit sind, uns von ihrem Leben unter den Khmer Rouge zu erzählen. Einige hatten zwar keine Zeit, weil sie arbeiten mussten und eine Frau sagte auch, sie habe schon ziemlich viel vergessen und erinnere sich nicht mehr gut an die Zeit, aber viele der Menschen, die wir gefragt haben, haben sich die Zeit genommen und uns von ihren Erfahrungen berichtet. Diese Spontanität und Offenheit, gerade bei so einem schwierigen Thema, haben mich überrascht. Und auch wenn ich bei den Gesprächen inhaltlich nicht wirklich viel verstanden habe, fand ich es super interessant, dabei zu sein und mit den Locals hier in Austausch zu kommen. Die Menschen, die wir getroffen haben, waren super herzlich und die Atmosphäre sehr familiär.

Daneben ist die Landschaft wirklich beeindruckend. Man sieht viele Reisfelder, teilweise auch abgeerntete, zwischendrin ein paar Zuckerpalmen und im Hintergrund sind Berge. Das sieht soooo schön aus!

Viele der Häuser sind auf traditionelle Art und Weise gebaut. Das heißt, es gibt von der Straße aus zunächst einen überdachten Bereich. Dort steht meist ein hölzerner Tisch, der verschiedensten Zwecken dient, bspw. als Esstisch. Generell ist das neben der Arbeit der Hauptaufenthaltsbereich der Menschen, wir haben auch meistens die Interviews dort geführt. Dahinter oder daneben befindet sich in der Regel eine Treppe, die zum Schlafbereich führt, denn traditionell sind die Häuser auf Stelzen gebaut. Die Stelzen dienen dem Schutz vor Tieren, z.B. Schlangen, die dadurch nicht so einfach ins Haus kommen. Außerdem haben die meisten Häuser ein Grundstück, auf dem bspw. Gemüse angepflanzt wird, und einige Tiere, also Hühner, Kühe oder so.

Alle Häuser haben eine Stromversorgung, bei Wasser bin ich mir aber nicht sicher. Vor den meisten Häusern standen große Wasserkübel, in denen das Regenwasser gesammelt wird. Daraus wird Wasser geschöpft, um bspw. die Toilette zu spülen oder duschen zu gehen. Hier ist mir einmal mehr bewusst geworden, was für ein Privileg es ist, mir um fließendes Wasser und vor allem um Trinkwasser keine Gedanken machen zu müssen. Trinkwasser aus dem Hahn haben wir in Phnom Penh zwar auch nicht, aber dort kaufen wir das Trinkwasser in 20l-Kanistern und müssen es nicht flaschenweise kaufen wie hier.

Wenn ich das Wort "Provinz" höre, muss ich irgendwie an so ein kleines, abgeschiedenes Dörfchen irgendwo im Nirgendwo denken. Das stimmt so natürlich nicht, aber ein bisschen erfüllen die Dörfer, die wir besucht haben, schon dieses Klischee. Zumindest in Bezug auf ihre Größe. Wie ich im Gespräch mit einem meiner Research Fellows gelernt habe, bilden zehn bis 20 Häuser ein Dorf und vier bis fünf Dörfer eine Kommune. Mehrere Kommunen ergeben einen Distrikt und einige Distrikte setzen sich zu einer Provinz zusammen. Alle Provinzen zusammengenommen ergeben schließlich das Königreich Kambodscha. Lange Rede, kurzer Sinn, einige der Dörfer, in denen wir Interviews geführt haben, waren ziemlich klein. Eines - ich glaube, das war das "Hauptdorf" der Gemeinde - war um einiges größer. Und obwohl manche Dörfer so klein sind, gibt es in der Regel ein Geschäft, in dem man bspw. Getränke kaufen kann, sowie einige Straßenrestaurants.

Was mir auch im Gedächtnis geblieben ist, sind die Spuren, die die Politik der Roten Khmer hinterlassen haben. Diese wollten einen Agrarstaat errichten und empfanden Bildung deshalb als nicht notwendig. Dementsprechend schafften sie Schulen ab und die Unterrichtsstuden, die es gab, dienten hauptsächlich der politischen Indoktrination von Kindern. Diese Politik führte dazu, dass die meisten Kinder nicht lesen und schreiben gelernt haben - und es, wie einige unserer Zeitzeug:innen, bis heute nicht können, denn es gibt kaum Möglichkeiten, es nachträglich zu lernen.

Sonntags sind wir schließlich nach zwei spannenden Tagen wieder zurück nach Phnom Penh gefahren. Mir hat das Wochenende sehr gut gefallen, weil ich Zeit mit den anderen verbringen und viel Neues lernen konnte. Insgesamt haben wir 57 Personen in vier Dörfern interviewt.

Ich bin sehr dankbar für diesen sehr persönlichen Eindruck vom Leben auf dem Land, den ich ohne meine kambodschanischen Freund:innen so nie bekommen hätte. Nächste Woche beschäftigen wir uns dann mit der Auswertung der Interviews :)

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